Lehreranwärter
„Wir haben Existenzängste“

Zahlreiche fertig ausgebildete Referendarinnen und Referendare an Gymnasien bekommen im neuen Schuljahr keinen Job. Kirchheimer Betroffene beschreiben die frustrierende Situation. 

Über die Hälfte der angehenden Gymnasiallehrkräfte im Land stehen nach den Ferien ohne Stelle da. Symbolbild: stock.adobe.com

Sie haben fünf bis sechs Jahre Studium und 18 Monate Referendariat am Gymnasium erfolgreich hinter sich gebracht und stehen nun trotzdem als Berufseinsteiger vor dem Nichts: Stand Mitte Juli gab es landesweit laut Informationen des Kultusministeriums im kommenden Schuljahr für 1128 junge Gymnasiallehrkräfte nur noch 360 offene Stellen. Sprich, mehr als die Hälfte von ihnen wird nicht übernommen. Zu den aktuell Betroffenen zählen auch Referendarinnen und Referendare der beiden Kirchheimer Gymnasien. Der Frust bei ihnen ist groß, sie haben Existenzängste und wissen nicht, wie es nach den Sommerferien für sie weitergehen soll. Drei der LUG-Referendare waren zum persönlichen Gespräch bereit, baten aber darum, anonym zu bleiben. Zu groß ist die Sorge, dass ihnen bei der ohnehin schwierigen Stellensuche sonst weitere Nachteile entstehen.  

Am LUG betreffen die aktuellen Planungen des Kultusministeriums insgesamt sechs Referendarinnen und Referendare. Nur eine von ihnen hat mit ihren naturwissenschaftlichen Fächern eine Stelle bekommen, laut Schulleiter Martin Roll längst kein Selbstläufer mehr. Ein weiterer gehe in den Auslandsschuldienst, ein dritter könne vorerst bis zu den Sommerferien 2026 mit 16 KV-Stunden (Krankheitsvertretung) am LUG bleiben. Am Schlossgymnasium sind es laut Schulleiterin Lucia Heffner noch zwei Referendare, die ohne ein Stellenangebot – auch für andere Schularten – weiter bangen müssen, die anderen beiden wechseln an Grundschulen, eine davon hat das bereits vor einer Weile getan.

Viele Absagen sorgen für Frust

Unter den drei gesprächsbereiten LUG-Referendaren sind eine 27-Jährige mit den Fächern Italienisch, Spanisch und Französisch, ein 29-Jähriger mit der Kombination Sport und Biologie sowie sein gleichaltriger Kollege mit den Fächern Geschichte und Ethik. Der angehende Sport- und Biologielehrer ist jener mit der auf ein Schuljahr befristeten KV-Stelle. Das sei nur ein schwacher Trost und nur eine vorübergehende Beruhigung, so der 29-Jährige: „Das sind nur vier Stunden mehr als im Referendariat, also auch nur wenige hundert Euro mehr Gehalt. Davon kann man sich kaum eine Miete plus sonstige Fixkosten leisten. Und ich weiß nicht, wie es ab dem Schuljahr 2026/27 für mich weitergeht.“ 

Die drei jungen Lehrkräfte beschreiben den immensen Druck, der auf ihnen lastet. Täglich schauen sie in den Portalen nach offenen Stellen, verschicken unzählige Bewerbungen, oft ohne irgendeine Rückmeldung – positiv oder negativ –  zu bekommen. Häufig scheitere es schon daran, dass die eigenen Fächer nicht gesucht oder an manchen alternativen Schularten überhaupt nicht unterrichtet würden. Ein Wechsel an eine andere Schulart, wie vom Kultusministerium empfohlen, sei also in vielen Fällen gar nicht erst möglich und auch dort die verfügbaren Stellen begrenzt. 

In fünf Bundesländern hat sie sich beworben, höchstens das Angebot einer KV-Stelle sei bisher dabei herausgekommen, erzählt die 27-jährige Referendarin, „dafür möchte ich auch nicht umziehen und dann nächstes Jahr vor demselben Problem stehen.“ Sie komme ursprünglich aus dem Raum Heidelberg, „ich habe mich bisher an rund 70 Schulen im Umkreis von gut eineinhalb Stunden Fahrt beworben, ohne Erfolg.“ Das bestätigt ihr Referendarskollege (Ethik und Geschichte), der ebenfalls viel Eigeninitiative bei der Stellensuche zeigt. Selbst bei einem Schulbuchverlag oder bei der Agentur für Arbeit auf den Posten eines Arbeitsvermittlers habe er sich alternativ zu vielen Schulen schon beworben. „Das ist neben der Angst, wie es weitergeht, einfach auch so frustrierend. Wir sind fertig ausgebildet und wollen jetzt motiviert in den Lehrerberuf starten. Stattdessen können wir rein gar nichts planen, nicht ob wir arbeiten können und wenn ja, wo. Gegebenenfalls müssten wir ja innerhalb der Ferien auch noch eine neue Wohnung an einem anderen Ort finden“, so das ernüchterte Fazit der drei. Im Seminar hätten sie erst im vergangenen Oktober erfahren, dass es mit Stellen sehr schlecht für diesen Jahrgang aussehe. Dass es jetzt so extrem viele Gymnasial-Referendare treffe, habe man aber nicht erwartet, das sei wirklich hart.

Keine vorausschauende Planung

Doch woher sollen die Gymnasial-Fachkräfte dann kommen, die nun gezwungener Weise abzuwandern drohen, wenn in ein paar Jahren laut aktueller Berechnungen des Kultusministeriums auf einen Schlag wieder ein hoher Bedarf besteht? Dessen Planungen, die finanziellen Einsparungen anstatt vorsorglicher Budget- und somit Stellenerhöhungen, seien nicht vorausschauend, da sind sich die angehenden Kirchheimer Lehrkräfte und ihre Schulleiter Martin Roll und Lucia Heffner einig. „Man muss die Finanzmittel jetzt in die Hand nehmen, wir haben momentan kein Backup, wenn benötigt“, bringt es Heffner auf den Punkt. Aktuell gebe es an ihren Gymnasien zwar keinen akuten Lehrermangel, so die Schulleiter, komme es aber zu kurzfristigen Ausfällen, fehle es an Personal. „Dazu haben wir große Klassen mit bis zu 30 Schülerinnen und Schülern. Hätten wir mehr Lehrkräfte, wären zum Beispiel auch kleinere Lerngruppen möglich“, so Martin Roll. Es sei schon immer so gewesen, dass die eigenen Referendare nicht zwingend an ihrer Schule übernommen werden konnten, „aber zumindest weiterhin im gymnasialen Bereich.“ Diese aktuell umfassende Perspektivlosigkeit so vieler sei ein Novum. 

„Man sollte seitens des Kultusministeriums dringend etwas dafür tun, die guten Leute zu halten. Wir werden sie brauchen“, betonen Lucia Heffner und Martin Roll. Ein Beispiel: 2032 stehe mit den neuen G9-Jahrgängen kein Abitur an, nur die Aufnahme neuer fünf Fünferklassen, so Roll: „Das bedeutet dann bei uns am LUG einen Bedarf von sechs bis sieben zusätzlichen Lehrkräften mit vollen Deputaten.“ Sowohl für die Absolventen, als auch deren Ausbilder sei die aktuelle Situation sehr bedrückend, schildert Lucia Heffner die momentane Stimmung. ​​​​​

 

Fehlende Stellen: Das sind die Gründe

Hintergrund für die Einstellungspolitik des Kultusministeriums ist die schrittweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) vom nächsten Schuljahr an, beginnend mit den Klassenstufen 5 und 6.

Ab dem Schuljahr 2032/33 wird das Abitur nach neun Jahren wieder für alle Gymnasiasten zur Regel. In den ersten Jahren verringern sich dadurch die Unterrichtsstunden für die neuen G9-Jahrgänge, wodurch weniger Lehrkräfte benötigt werden. Das ändert sich in den kommenden Jahren aber wieder. Nach Berechnungen des Kultusministeriums werden zwar bis zum Schuljahr 2030/2031 vorerst rund 1600 volle Stellen weniger benötigt. Ab dem Schuljahr 2031/2032 dann auf einen Schlag allerdings 860 zusätzliche Stellen.

Der Philologenverband BW warnt vor der Abwanderung vieler qualifizierter junger Leute in andere Bundesländer, die dann nicht mehr als Lehrkräfte zur Verfügung stehen, wenn sie wieder akut benötigt werden. eis