Entsorgung
Wird die Müllabfuhr zum Dauerproblem?

Der wochenlange Ärger mit ungeleerten Bioabfalltonnen im Osten des Kreisgebiets macht deutlich, woran das System krankt. Nur: Einfache Lösungen gibt es nicht.

Die braunen Tonnen bleiben ein Problem: Der Landkreis hat Ärger mit dem Abfuhrunternehmen. Foto: Markus Brändli

Der Sommer legt eine Pause ein. Kurz durchatmen heißt es auch im Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) des Landkreises, wo seit Monaten der Ausnahmezustand herrscht. Erst der Ärger mit den gelben Säcken, dann blieben mitten in der ersten Hitzewelle dieses Sommers vielerorts teils wochenlang die braunen Tonnen ungeleert. Stinkender Biomüll und erboste Kunden sorgten dafür, dass im Esslinger AWB Telefone nicht mehr stillstanden und Mail-Postfächer überquollen. „Das Paket an Themen, das wir in den vergangenen 14 Monaten abgearbeitet haben, ist unglaublich“, sagt AWB-Geschäftsführer Michael Potthast. „Wenn wir eine Lücke schließen, geht woanders die nächste auf.“

Der Biomüll beschäftigt jetzt auch die Mitglieder im Kreistag. Wie umgehen mit dem Problem? Was lässt sich daraus für künftige Verträge mit Abfuhrfirmen lernen? Es wird schnell klar: Einfache Antworten gibt es nicht. Für das Chaos der vergangenen Wochen macht der Entsorger Prezero mit Hauptsitz in Westfalen krankheitsbedingten Personalmangel verantwortlich. Das Problem: „Fahrzeuge waren zwar unterwegs, aber sie waren untereinander nicht abgestimmt“, sagt Michael Potthast. Dies habe die Lage weiter zugespitzt. Werden Touren nicht zu Ende gefahren und bleibt die Leerung lückenhaft, entsteht ein Flickenteppich, den keiner mehr übersieht. Die Umstellung auf eine wöchentliche Abfuhr mit Beginn der warmen Jahreszeit verschärfte die Situation weiter. Aus einem Tag Verspätung wurden so mancherorts drei Wochen. Potthast spricht von einer Bugwelle, die auf diese Weise entstanden sei. „Wo ganze Ortschaften betroffen sind, ist es einfacher, nachzubessern. Einzelne Straßen fallen erst auf, wenn die Leute anrufen.“ Zwar sind die Fahrzeuge mit GPS-Sendern ausgestattet, doch die Signale zeigen nur an, wo die Fahrer unterwegs waren, nicht welche Tonnen auch wirklich geleert wurden.

Wenn wir eine Lücke schließen, tut sich schon die nächste auf.

Michael Potthast, Chef im Abfallwirtschaftsbetrieb, zu den Abfuhrproblemen.

Dass sich die Lage momentan entspannt, ist vor allem lokalen Entsorgern wie Heilemann in Wendlingen oder Scherrieble in Esslingen zu verdanken, die kurzfristig eingesprungen sind. Allerdings dürfen Ersatzfirmen erst beauftragt werden, wenn der eigentliche Auftragnehmer nicht innerhalb von 24 Stunden nachbessert. Ein Umstand, der die Bugwelle weiter steigen lässt, denn das System ist träge. Die Lage habe sich inzwischen deutlich gebessert, sagt Potthast. Auch, weil Prezero Personal im großen Stil ausgetauscht habe. Dennoch: „Es ist nicht das, was wir uns wünschen.“ Potthast macht beim Entsorger auch Managementprobleme für die Situation verantwortlich. Man stehe inzwischen in ständigem Austausch mit den Hauptverantwortlichen auf Bundesebene. „Dabei hatten wir in den vergangenen Jahren allerdings 18 verschiedene Ansprechpartner“.

Was also tun? Einfach kündigen? Davon rät der AWB-Chef ab. Damit sei es nicht getan. „Wer fährt dann ab?“  Potthast hält es für sinnvoller, den Druck weiter zu erhöhen. Vertragsstrafen im mittleren fünfstelligen Bereich bekam das Unternehmen bereits aufgebrummt. Die kommen in der Gebührenkalkulation letztlich auch den Bürgern zugute. Klar dürfte sein: Im Kreis Esslingen hat Prezero seine Chancen wohl verspielt. Das Unternehmen ist seit 2022 im Auftrag des Landkreises unterwegs. Die Verträge sind auf sieben Jahre angelegt. Laufen sie aus, dürfte in diesem Fall wohl nicht verlängert werden. Bis dahin bleiben allerdings noch vier Jahre, die sich hinziehen könnten.

Ein Grund für das Problem ist die Pflicht zur EU-weiten Ausschreibung. Das Ausschreibungspaket auf mehrere Lose zu verteilen, wie der Kirchheimer FDP-Kreisrat Albert Kahle vorschlägt, ist offenbar keine Lösung. Der Schwellenwert bei Ausschreibungen für Dienstleistungen wie die Müllabfuhr liegt bei rund 220.000 Euro. „Allein im Osten des Landkreises, wo die Probleme jetzt auftreten, reden wir über eine Vergabesumme von 40 Millionen Euro“, klärt Michael Potthast auf. Die Linke im Kreistag spricht sich dafür aus, zumindest einen Teil der Entsorgung in kommunale Hand zu legen. Allerdings fehlt dafür das Personal. Im Sommer, wenn sich der Abfuhrtakt erhöht und die Menge an Biomüll plötzlich verdoppelt, meint Potthast, „bräuchten wir über Nacht 40 zusätzliche Mitarbeiter“.

Selbst die Ausgestaltung der Verträge lässt nur begrenzten Spielraum. Regionale Entsorger, die mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut sind, zu bevorzugen, geht nicht. Regionalität ist kein Kriterium in Ausschreibungen. Alles Weitere bewegt sich in engen juristischen Grenzen. Die einzelnen Verträge füllen ganze Leitz-Ordner. „Wir wissen, wo die Betriebsstätten liegen, wir kennen die Zahl der Fahrzeuge und wir kennen die Zahlen zum Personal“, sagt Potthast. „Wenn Krankheit und Ausfälle ins Spiel kommen, hilft das alles nichts“.