Abfallbeseitigung
Wo klemmt es bei der Müllabfuhr?

Pannen und Verzögerungen beim Leeren von Tonnen häufen sich. Vor allem dann, wenn Aufträge neu ausgeschrieben werden müssen. Sind lokale Entsorgungsfirmen die zuverlässigeren Partner? 

Um reibungslos und im Zeitlimit durchzukommen, sind Ortskenntnisse und bestenfalls langjährige Mitarbeiter bei der Müllabfuhr von Vorteil.   Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Wenn Verpackungsmüll in gelben Säcken tagelang vor der Haustür liegen bleibt, wenn Bioabfall in der braunen Tonne auf der Straße vor sich hin gammelt, dann ist das für Gebührenzahler ein Ärgernis. Doch nicht nur für die. Abfuhrprobleme häufen sich meist dann, wenn Aufträge europaweit neu ausgeschrieben werden müssen und Neufirmen mit Startproblemen zu kämpfen haben. Weil das Allermeiste am Markt der Preis regelt, heißt das für ortsansässige Bieter immer häufiger: Sie sind raus.

Der jüngste Ärger um nicht abgeholte gelbe Säcke nach Neujahr ist bei Philipp Heilemann auch dieser Tage nicht verraucht. Das Wendlinger Familienunternehmen ist bereits in dritter Generation für den Landkreis als Entsorger unterwegs. Inzwischen meist nur noch als Subunternehmen für Branchenriesen, die europa- oder gar weltweit im Geschäft sind. Und nicht selten in Gegenden im Kreisgebiet, die als schwierig gelten, weil sie Ortskenntnisse voraussetzen. „Wenn’s hart auf hart kommt, setzen die auf uns, weil wir wissen, wie’s läuft“, sagt Heilemann. Manchmal geht es um die sinnvollste Streckenwahl, ein anderes Mal um die optimale Uhrzeit, zu der ein Durchkommen möglich ist.

Müllabfuhr ist ein unglaublich menschliches Thema.

Philipp Heilemann, Abfuhrunternehmer in dritter Generation aus Wendlingen.

 

Die gelben Säcke oder Tonnen sind Aufgabe des Dualen Systems. In diesem Fall der Zentek-Gruppe aus Köln, die den Auftrag zu Jahresbeginn an die RMG Rohstoffmanagement GmbH aus Eltville am Rhein vergeben hat. Für Heilemann nach knapp zwei Jahrzehnten Dienst in diesem Bereich ein schwerer Schlag, nachdem die Firma auch den Auftrag zur Abfuhr von Altpapier im vergangenen Jahr verloren hat. Die Folge: 15 der insgesamt rund 100 Mitarbeiter musste gekündigt werden, zehn von 70 Müllfahrzeugen, die das Unternehmen im Einsatz hat, wurden abgemeldet. Was als Auftragnehmer des Landkreises im Moment bleibt, ist das Einsammeln von Sperrmüll und die Reinigung der Standplätze von Glascontainern.

So wie Heilemann fordern zahlreiche mittelständische Entsorgungsunternehmen schon lange Ausschreibungsverfahren, die sich stärker an Qualitätskriterien orientieren. Doch was heißt das? Wie lässt sich Qualität definieren? „Solange alles nur über den Preis läuft, heißt das Lohn-Dumping“, stellt Philipp Heilemann klar. Ein erster sinnvoller Schritt aus seiner Sicht wäre: Statt des wirtschaftlichsten Bieters, den öffentlich-rechtliche Entsorger nach EU-Recht zum Zuge kommen lassen müssen, sollte grundsätzlich der zweitgünstigste den Zuschlag erhalten. So wie das in Österreich und der Schweiz gängige Praxis ist. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist aus Sicht des Wendlinger Unternehmers ein Begriff mit viel Interpretationsspielraum. „Ist es nachhaltiger, wenn ein Großkonzern seine Fahrzeuge vor der Stadt auf Mietflächen parkt oder wenn ein ortsansässiges Familienunternehmen den Job übernimmt?“, fragt er sich.

Auch Mitarbeiterführung ist aus seiner Sicht ein zentrales Thema. „Wir haben Mitarbeiter, die für uns seit 40 Jahren bei Wind und Wetter dem Müllfahrzeug hinterherrennen“, sagt Heilemann, dersich bis heute, wenn's klemmt, selbst ans Steuer setzt . Das Unternehmen beschäftigt Menschen mit Handicap, aus sozial benachteiligten Schichten, von jedem einzelnen kennt er Namen und Lebensgeschichte. „Auch wenn es sich seltsam anhört“, sagt Heilemann, „Mülllabfuhr ist ein unglaublich menschliches Thema.“

Dass man mit lokalen Unternehmen buchstäblich gut fährt, kann auch Michael Potthast bestätigen. Der Chef im Esslinger Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) würde sich nicht nur kürzere Kommunikationswege wünschen, sondern auch, dass sämtliche Abfallbereiche in die Zuständigkeit kommunaler Entsorger entfielen – auch der Verpackungsmüll. Für Haushalte würde das bedeuten: Es gibt nur einen Ansprechpartner. „Viele Auftragnehmer bekommen gar nicht mit, wenn vor Ort etwas schiefläuft“, sagt Potthast. Zwar gibt es vertraglich vereinbarte Strafen, doch die lassen häufig viel Spielraum. Wenn ein Abfuhrtermin nicht eingehalten werden kann, findet er eben an einem anderen Tag statt. „Wir würden gerne schneller und effektiver sanktionieren“, meint der AWB-Geschäftsführer. Philipp Heilemann hält in diesem Punkt dagegen: „Unternehmen, die zuverlässig ihre Arbeit erledigen, muss man nicht bestrafen.“

 

Wer sammelt was? Entsorger im Überblick

Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises muss die Sammlungen von Restmüll, Bioabfällen, Altpapier und Sperrmüll in regelmäßigen Zeitabständen europaweit neu ausschreiben.

Damit die Aufträge nicht zu groß werden und auch kleinere Unternehmen die Chance erhalten, sich an der Ausschreibung zu beteiligen, wird die Sammlung von Rest- und Biomüll geografisch im Kreisgebiet in zwei Lose aufgeteilt. Den Zuschlag erhält gemäß EU-Recht der wirtschaftlichste Bieter. Für Hausmüll, Bioabfälle und Papier sind im Kreis Esslingen zurzeit die beiden Großentsorger Alba, mit Stammsitz in Berlin, und Remondis aus dem nordrhein-westfälischen Lünen zuständig. Die Sperrmüllabfuhr übernimmt eine Arbeitsgemeinschaft aus den beiden im Kreis ansässigen Firmen Heilemann aus Wendlingen und Scherrieble aus Esslingen.

Leichtverpackungen fallen in die Zuständigkeit der Dualen Systeme Deutschland, die diese Aufträge selbst ausschreiben. Seit 1. Januar 2025 ist für die Abfuhr der gelben ­Säcke und Tonnen die RMG Rohstoffmanagement aus Eltville zuständig. Durch den Wechsel wird in den nächsten Tagen und Wochen ein Austausch der gelben Tonnen im gesamten Kreisgebiet nötig. Die Termine für die einzelnen Kommunen sind online unter ​​​​​​​awb-es.de abrufbar. bk