Leserbrief
Die Opfer waren nicht eingeladen

Zu den Artikeln „Ein ,Dankfest’ in schwierigen Zeiten“ und „Man darf die Augen nicht verschließen“ vom 11. Mai

Man hat sich nun bereits zum zweiten Mal zu einem Fest des Dankes getroffen, bei dem sich die Stiftung Tragwerk hauptsächlich selbst gefeiert hat. Wir, die ehemals sexuell missbrauchten Kinder, wurden mal wieder nicht dazu eingeladen, obwohl ich mich in unserer Aufarbeitungsrunde, die es seit Veröffentlichung des Artikels 2025 gibt, schon über die erste Feier im alten Gemeindehaus beschwert habe. Hat sich dies nun wiederholt? Hatten die „Feierlaunigen“ Angst, dass wir diese Veranstaltung gesprengt hätten? Es läuft halt wie immer in unserer Gesellschaft. Auf meine Anfrage hin, ob wir eine Entschädigung oder Schmerzensgeld für unser Leid bekommen, bekam ich den kurzen Satz: „Wir bezahlen nichts, weil wir nicht gewinnorientiert arbeiten.“ Natürlich mit dem Hintergedanken, dass ja glücklicherweise alles verjährt ist.

Wurde dieses Fest am besagten Samstag wissentlich gefeiert, weil wir bei einer Veranstaltung am selbigen Samstag in Stuttgart bei der Kirche zu einer Info für Missbrauchte eingeladen wurden? Herr Wenger macht zu diesen Vorfällen eine Studie, wobei es doch recht schwierig erscheint, da er von der evangelischen Kirche bezahlt wird – wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

Nun hat sich traurigerweise vor Kurzem einer von uns das Leben genommen. Er wurde bei diesem Festakt nicht erwähnt, geschweige denn an ihn erinnert. Es war genau derjenige, der als Erster unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorfälle den ehemaligen Heimleiter immer wieder darauf angesprochen hat und von selbigem glatt gebürstet wurde, so nach dem Motto: „Das stimmt wohl alles nicht“. Nach Veröffentlichung des Artikels hat dieses ehemalige Heimkind das alles nach 45 Jahren nicht mehr verkraftet und seinem Leben ein Ende gesetzt. Wie viele müssen noch folgen? Eine Entschuldigung ist bis heute nicht erfolgt.

Das Landratsamt Böblingen für die Durchführung der Anerkennung für Gewaltopfer wünscht dann noch, dass man Zeugen für den Missbrauch benennt, obwohl wir ja als kleine Kinder bei Nacht einzeln abgeholt wurden. Was für ein Personal sitzt in dieser Behörde? Haben diese Leute gar kein Einfühlungsvermögen? Ich bin mal gespannt, ob all diese Leute uns Opfer jemals einmal verstehen werden.

Mario Groß