Bezüglich der immer stärker ins öffentliche Bewusstsein tretenden sexualisierten Gewalt, primär gegen Frauen, leider auch gegenüber Kindern, sind die diskutierten und ergriffenen Maßnahmen an den Opfern orientiert, nicht aber an den „Tätern“. Dabei ist diese Form der Gewalt, wie beide Redakteurinnen – Rebekka Wiese und Jacqueline Westermann – klar aussprechen, in erster Linie männlich. Auch in unserer Alltagswelt ist diese männlich durchtränkte sexualisierte Gewalt dominierend: in der Sprache des Sports, im Alltagsdialog innerhalb männlicher Gruppen, in der Mode und der Werbung durchgehend (!), in der beleidigenden Gestik affektiver Situationen bis hin zur Tatsache des (gesellschaftspolitisch akzeptierten) Femizids – all diese Bereiche sind männlich-sexualisiert und dominiert!
Das von Rebekka Wiese treffend benannte „betäubende Schweigen“ ist der eigentliche Kernpunkt des Problems. Ich habe schon öfters darauf hingewiesen, dass die Fesselung der seelischen Emotionen an die leiblichen Trieb- und Affektaktionen in einer biologisch-seelischen Durchdringung beim männlichen Geschlecht besonders verkettet sind. Hier wäre es dringendst geboten, dass alle Männer sich nicht nur dieser Tatsache bewusst würden, sondern auch die Forderung und Erwartung, sich aus dieser eigenen unheilbringenden Verkettung zu befreien: Das heißt, dass mit dieser Erkenntnis der Mann sich gewissermaßen vor sich selbst zu schützen hätte – betäubendes Schweigen gewandelt in beredtes Selbsterziehen und Verändern.
Ob dies aber in einer Gesellschaft, deren innere Strukturen (Rollenverständnisse) sich ja an dieser unheilvollen Fesselung entwickelt haben und nicht (!) umgekehrt, zukunftsbefreiend möglich wird, ist der Selbsterkenntnis primär der Männer, sekundär von uns allen überantwortet.
Dr. Matthias Komp, Kirchheim
