Die Landtagswahl in Baden-Württemberg findet am 8. März statt. Doch dieser Satz stimmt nicht. Richtig wäre: Die Wahl findet „auch“ am 8. März statt. Denn immer mehr Bürger geben ihre Stimme bereits vor dem eigentlichen Wahltag ab. Die Briefwahl hat sich in Baden-Württemberg zu einer beliebten Alternative entwickelt. Bei der letzten Landtagswahl 2021 nutzten laut statistischem Landesamt 51,3 Prozent der Wahlberechtigten diese Möglichkeit, mehr als die Hälfte aller Wählerinnen und Wähler. Der Zeitraum für die Abstimmung durch die Briefwahl dehnt sich auf mehrere Wochen.
Was spricht nun gegen eine frühe Abgabe meiner Stimme? Kurz gesagt: Es kann noch was passieren. Ausführlicher: Eine weltpolitische Entwicklung. Ein politischer Skandal. Eine Enthüllung oder ein Fettnäpfchen, in das getreten wird. Dann habe ich meine Stimme schon abgegeben und kann das bei meiner Wahlentscheidung nicht mehr „einpreisen“.
Zu dem letztgenannten Stichwort „Fettnäpfchen“ fällt einem der „Lacher“ des damaligen Bundeskanzlerkandidaten Armin Laschet während einer Rede von Bundespräsident Steinmeier ein. In dieser drückte er im Juli 2021 den Betroffenen der Flutkatastrophe sein Mitgefühl aus. Kameraleute fingen den unpassenden Moment der Heiterkeit Laschets ein. Trotz seiner mehrfachen Entschuldigung und Erklärung der Situation hat dieser Fauxpas nach Meinung vieler ihn um die Wahl zum Bundeskanzler gebracht.
Ein weiteres, schon länger zurückliegendes Beispiel für Meinungsänderung bei der baden-württembergischen Landtagswahl 2011: Ohne die Katastrophe in Fukushima zwei Wochen vor der Wahl hätte es der Grüne vermutlich nicht in die Staatskanzlei geschafft. Wenn damals schon ein größerer Anteil der Bürger ihre Stimme vorab abgegeben hätte, wäre Kretschmann wahrscheinlich nie Ministerpräsident geworden.
Was lernt ein Briefwähler daraus? Die Kreuze auf dem Stimmzettel nicht zu früh machen und Absenden beziehungsweise Einwerfen möglichst spät. Es muss ja nicht gerade eine Stunde vor „Torschluss“ sein.
Gerhard Ostertag, Bissingen
