Leserbrief
Solidarität statt Börsen­spekulation

Zum Artikel „Gefahr für Altersvorsorge?“ vom 25. Juni

Der Artikel vermittelt den Eindruck, eine stärkere Kapitaldeckung der Altersvorsorge sei alternativlos – man müsse als Anleger nur die richtigen Produkte wählen. Milliardenbewertungen wie die von SpaceX beruhen vor allem auf Zukunftserwartungen, nicht auf realen Gewinnen. Dennoch lautet die Schlussfolgerung, dass breit gestreute Kapitalanlagen dieses Risiko ausgleichen könnten. Dabei bleibt unerwähnt, dass jede kapitalgedeckte Altersvorsorge den Schwankungen der Finanzmärkte ausgesetzt ist. Krisen und Spekulationsblasen treffen am Ende die Sparerinnen und Sparer, während Banken, Fondsanbieter und Versicherungen unabhängig vom Anlageerfolg ihre Gebühren erhalten. Für Vermögende bedeutet eine geringe Rendite oft nur weniger Vermögenszuwachs, für Menschen mit kleiner Rente kann sie den Lebensstandard im Alter gefährden.

Vor allem verschweigt der Artikel die eigentliche Alternative: eine Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung. Das österreichische Modell zeigt seit Jahren, dass höhere Renten finanzierbar sind. Dort zahlen nahezu alle Erwerbstätigen – auch Beamte und Selbstständige – in eine Rentenkasse ein. Das Ergebnis sind durchschnittlich rund 700 Euro höhere Monatsrenten, die rund 80 Prozent des früheren Einkommens entsprechen. In Deutschland liegt das Rentenniveau bei etwa 48 Prozent. Trotzdem wird immer wieder behauptet, mehr sei wegen des demografischen Wandels nicht finanzierbar. Eine Erwerbstätigenversicherung, in die auch Abgeordnete einzahlen, würde die Finanzierungsbasis verbreitern.

Warum orientiert sich Deutschland nicht stärker am erfolgreichen österreichischen Modell? Wollen wir unsere Altersvorsorge von Börsenkursen abhängig machen – oder auf ein solidarisches Rentensystem setzen, das den Lebensstandard im Alter sichert?

Heinrich Brinker, Stadtrat, Kirchheim