Leserbriefe

Energiepolitischer Tiefschlaf

Leserbrief zur Berichterstattung über Energiekrise und Versorgungsengpässe im Winter

Weiterbetrieb der Kernkraftwerke auf Zeit, Reaktivierung der Kohlekraftwerke, Erschließung von deutschen Gasvorkommen durch Fracking, Beschleunigung des Windkraft- und Photovoltaikausbaus, Bau von Flüssiggas-Terminals – alle paar Wochen wird in Deutschland eine neue Sau durchs Dorf getrieben, um das im Winter drohende, flächendeckende Bibbern und den möglichen Produktionsausfall ganzer Branchen zu vermeiden oder wenigstens einzugrenzen.

Die Schuldzuweisungen, wie es zu dieser fatalen Situation kommen konnte, gehen quer durch die Parteienlandschaft. CDU und CSU-Vertreter, aber auch die Exponenten der SPD sollten sich indessen ganz und gar bedeckt halten, schließlich waren Altmaier, Glos, Gabriel und Zypries als Wirtschaftsminister*in in der Verantwortung. Und Frau Merkel? Sie ist, so war zu lesen, mit ihrer Politik „im Reinen“. Na dann!

Warum hat die hohe Politik in Deutschland nicht spätestens 2014 bei Putins Annexion der Krim die Zeichen der Zeit erkannt? So wie etwa Litauen, das just in jenem Jahr energiepolitisch umsteuerte, sich gänzlich von russischen Gas unabhängig machte und heute sogar in der Lage ist, über das Flüssiggas-Terminal in Klaipeda einige Nachbarländer mitzuversorgen. Einen solchen „Hallo-Wach“-Moment hätte man den deutschen Energiepolitikern von damals auch gewünscht.

Wie Litauen setzt auch Polen seit langem erfolgreich auf energiepolitische Autarkie und beliefert demnächst Tschechien und die Slowakei mit Flüssiggas. Spanien war ebenfalls deutlich mehr auf dem „Qui-vive“ als Deutschland und mit seinen sechs (!) Flüssiggas-Terminals entwickelt sich das Land zu einer Art „Gasverteilungsstelle“ für ganz Europa…

Energiepolitik? Verschlafen. Digitalisierung? Vergeigt. Verkehrsinfrastruktur? Vernachlässigt. Batteriezellenentwicklung? Verschnarcht. „Quo vadis“, Deutschland?

Dr. Ernst Kemmner, Kirchheim

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