Leserbriefe

Kompetenz als Schulfach

Zum Artikel „Lebenskompetenz als Schulfach?“ vom 9. Mai

Mit Interesse habe ich den Artikel zur Kenntnis genommen. In den Überlegungen steckt viel Nachdenkenswertes. Was allerdings nicht erwähnt wird, ist, was bei der Einführung dieses neuen Schulfachs dann wegfallen soll. Man kann bei den Schulen nicht immer nur draufsatteln. Also: Sollte stattdessen in Mathematik der Pythagoras fallen oder in Geschichte der Erste Weltkrieg oder in Biologie die Photosynthese oder in Englisch das Gerundium . . . Worauf können wir dann verzichten?

Ich lese weiter, dass externe Experten im möglicherweise angedachten Schulfach „Lebenskompetenz“ in den Schulen aktiv werden sollen. Dies könne dem Lehrermangel entgegenwirken? Na dann viel Spaß, wenn ein externer Experte vor einer knackigen achten Klasse steht, deren Schülerinnen und Schüler mehr mit ihrer pubertären Entwicklung beschäftigt sind als mit dem Ausfüllen einer Steuererklärung. Dies ohne fundierte pädagogische Ausbildung und Qualifikation zu versuchen, wird in den seltensten Fällen gutgehen. Wenn dann der erste Schüler diesen Experten ganz beiläufig auf seine Art auflaufen lässt, kommen sehr schnell die ganz große Hilflosigkeit und der ganz große Frust.

Ich habe in den 41 Jahren als Lehrer beziehungsweise Schulleiter viele Neuerungen miterlebt. Wenig davon ist wirklich dauerhaft geblieben. In den letzten Jahren ist es allerdings immer häufiger Usus geworden, dass darauf verzichtet wird, Neuerungen an wenigen „Versuchsschulen“ auszuprobieren und danach zu evaluieren. Stattdessen wird vieles sofort als allgemeinverbindlich für alle Schulen eingeführt, um dann rasch festzustellen, dass die Euphorie einer Realität weichen muss, die ernüchternd sein kann.

Ich hoffe, dass ein möglicherweise angedachtes Schulfach „Lebenskompetenz“ nicht zu einem jener Schnellschüsse wird, von denen wir gar zu viele hatten, um dann gegebenenfalls in den Analen des pädagogischen Museumsbetriebes zu enden.

Winfried Rindle, Kirchheim

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