Kirchheim

100 Prozent bei Wahl und Einsatz

Gewerkschaft Wolfgang Scholz hört als DGB-Kreisvorsitzender auf. Gerhard Frank wird sein Nachfolger.

Wolfgang Scholz
Wolfgang Scholz

Wernau. Mit einer sehr emotionalen Rede hat sich Wolfgang Scholz als DGB-Kreisvorsitzender verabschiedet. Mit jeweils 100 Prozent der Stimmen wurde Gerhard Frank zu seinem Nachfolger gewählt und Jürgen Groß als Stellvertreter bestätigt.

Hundertprozentig und mit Herzblut bei der Sache war der bisherige Kreisvorsitzende Scholz, der nach fast 50 Jahren des Einsatzes nicht mehr antrat. „Der 1. Mai ist der wichtigste Tag im ganzen Jahr“, schärfte der den Delegierten ein. „Der Besuch müsste besser sein, kommt alle und bringt Freunde und Nachbarn mit.“ Wer in der Gesellschaft etwas erreichen wolle, der brauche Bündnispartner. „Wir müssen raus aus der Wagenburg.“ Durch die Gesellschaft gehe ein tiefer Riss, der klassische Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Scholz stand auch zum Versagen: „Der Betrieb, in dem ich über 30 Jahre gearbeitet habe, wurde geschlossen. Unser langjähriger Kampf für den Erhalt der Arbeitsplätze und des Werks ist gescheitert, 150 Kollegen sind im Januar in die Arbeitslosigkeit gegangen.“

Der DGB-Bezirksvorsitzende Martin Kunzmann forderte die Delegierten zu einem Gedankenexperiment auf: Wie sähe die heutige Gesellschaft aus, ohne all das, was die Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten erreicht haben, etwa bei der Arbeitszeit und beim Urlaub? Die Auseinandersetzungen würden schwieriger. „Bei der Krankenversicherung sind wir weit weg von einer paritätischen Finanzierung.“ Kunzmann will, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder gleiche Anteile bezahlen. Bei der Rente sei mit einem angestrebten Rentenniveau von - nach Steuern und Sozialabgaben - 41 Prozent die Altersarmut vorprogrammiert. Kunzmann schlug den großen Bogen zu Umweltschutz, Friedenspolitik und Flucht: „Wenn wir die Armut in Afrika nicht bekämpfen, reichen auch 15 Meter Mauer nicht - die Menschen werden die Mauern einreißen.“ Er zitierte den amerikanischen Gründervater Benjamin Franklin: Wer die Freiheit aufgebe, um die Sicherheit zu gewinnen, verliere beides.

„Ich bin ein Linker“, stellte sich Gerhard Frank, wie Scholz Jahrgang 1953, den Delegierten vor. Ein politischer Mensch bleibe auch politisch, wenn er in Rente gehe. Der gelernte Buchdrucker arbeitete später als Sozialpädagoge bei der Arbeiterwohlfahrt, wurde Vorsitzender des Gesamtpersonalrats der AOK Baden-Württemberg. Ein paar Sitzungen im Jahr und fertig, das ist nicht sein Ding: „Ein bisschen ambitionierter sollte man an die Sache schon rangehen.“ Keine Sitzung dürfe enden, „ohne dass man weiß, was man hinterher tun will und wer einem dabei helfen kann.“Peter Dietrich

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