Kirchheim

Ab 2. August geht‘s ans „Kapital“

Rohstoffe Der Verein „Multivision“ macht an Schulen Station, um den schonungslosen Umgang mit Ressourcen anzuprangern. Der Moderator appelliert an jeden Einzelnen, sich einzubringen und einzumischen. Von Andreas Volz

Im Bild bleibt das zufällig ausgewählte Viertel der „Weltbevölkerung“ stehen, das weltweit drei Viertel aller Rohstoffe verbrauc
Im Bild bleibt das zufällig ausgewählte Viertel der „Weltbevölkerung“ stehen, das weltweit drei Viertel aller Rohstoffe verbraucht. Anhand solcher Beispiele führt Stefan Simonis Schüler in die Problematik des unbesorgten Umgangs mit Ressourcen ein. Foto: Carsten Riedl

Wer der Meinung ist, dass es so nicht mehr weitergehen darf mit dem Ressourcenverbrauch, soll die Hand heben. In der Aula der Kirchheimer Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule gehen fast alle Hände hoch. Das ist kein Wunder, denn eine Stunde lang hat Stefan Simonis - im Auftrag des Vereins „Multivision“ und unterstützt durch einen speziellen Filmbeitrag - genau das vermittelt: „Wir leben über unsere Verhältnisse. Wir verbrauchen jedes Jahr mehr Ressourcen, als die Erde langfristig hergeben kann.“ Die lehrreiche Stunde hat diese Einsicht überzeugend vermittelt. Kaum einen kann das direkt im Anschluss an die Darbietung wirklich kalt lassen.

Schwieriger wird es bei der Anschlussfrage: „Wer hat eine Idee, was er selber dazu beitragen kann, dass der Verbrauch zurückgeht?“ Ein paar wenige Mutige äußern sich vor versammelter Mannschaft: „Wir könnten versuchen, öfters mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen“, heißt es. Die anderen Meldungen beziehen sich auf den Papierverbrauch: Für Schulhefte aus Recyclingpapier müssten keine Bäume gefällt werden. Und wer statt Büchern und Heften Smartphones oder Tablets nutzt, braucht so gut wie gar kein Papier mehr.

Stefan Simonis macht auf ein Problem bei den digitalen Medien aufmerksam: „Das funktioniert nur dann, wenn jemand sein Tablet ziemlich lange nutzt.“ Wer sich dagegen jedes Jahr ein neues Gerät zulegt, habe trotz eingesparten Papiers keinen wirklichen Beitrag zur Schonung der Rohstoffe geleistet. Zum Recyclingpapier dagegen wirft der Moderator eine passende Tabelle auf die Leinwand: Im Gegensatz zu Frischfaserpapier ließen sich bei der Produktion von Recyclingpapier 100 Prozent Holz einsparen, 83 Prozent Wasser, 72 Prozent Energie und 53 Prozent der CO2-Emissionen.

Völlig weltfremd ist auch Stefan Simonis nicht. Deswegen stellt er fest: „Die Frage ist nicht: Ressourcenverbrauch ja oder nein? Wir verbrauchen immer welche. Wir müssen uns aber fragen: Wie gehen wir mit den Ressourcen um?“

Nicht nachwachsende Rohstoffe sind „begrenzt und endlich“. Daraus ergibt sich ein fortschreitendes Problem. Beispiel Kupfer: Dessen Gehalt im Erz geht immer weiter zurück - von ursprünglich einmal 14 auf mittlerweile 0,3 bis maximal ein Prozent. Das bringt also für denselben Ertrag an Metall erheblich mehr Aufwand, Energieverbrauch und CO2-Belastung mit sich. Beispiel Aluminium: Durch Recycling lassen sich gegenüber der Neugewinnung aus Bauxit 95 Prozent der Energie einsparen.

Experten fordern deshalb, alle Geräte gleich so anzufertigen, dass man sie später leicht auseinandernehmen kann. Die Rohstoffe lassen sich dann leichter in den Kreislauf zurückführen. Die einzige Alternative wäre, dass man diese Rohstoffe irgendwann gar nicht mehr hat.Bei nachwachsenden Rohstoffen besteht ein ähnliches Problem: Auch sie drohen auszugehen, weil jedes Jahr mehr verbraucht wird, als nachwachsen kann.

Auch warnt Stefan Simonis vor dem Glauben an grenzenloses Wachstum: „In der Natur gibt es das nicht, nur bei ein paar Viren und Bakterien - und bei Krebszellen. Aber da endet es immer in der Katastrophe.“

Was können die Schüler in Kirchheim nun konkret tun? Sich an das halten, was Film und Vortrag fordern: reduce, reuse, recycle. Das bedeutet zunächst, den eigenen Verbrauch zu senken. Dann geht es darum, Ausgebrauchtes wieder zu nutzen - oder es durch Tausch anderen zukommen zu lassen. Letzter Schritt ist das Recycling: die Ausgangsmaterialien trennen und anschließend neu in den Kreislauf bringen. Da ist jeder Einzelne bei der Mülltrennung gefragt.

Letzte Möglichkeit, etwas zu tun: die Politik beeinflussen. Stefan Simonis zitiert an dieser Stelle Max Frisch: „Demokratie heißt, sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen“. Und genau dazu fordert er die Schüler am Ende auf: „Eure Zukunft ist eure Angelegenheit. Mischt euch ein.“

Am 2. August ist „Earth Overshoot Day“

Der „Earth Overshoot Day“ 2017 ist am 2. August. Das ist der Tag, an dem die „Rendite“ aufgebraucht ist und an dem die Menschheit beginnt, für den Rest des Jahres das „Kapital“ der Natur anzugreifen. Eigentlich darf es diesen Tag gar nicht geben. Bis zum 31. Dezember sollte im Idealfall ein Mehr an „Kapital“ aufgehäuft sein.

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