Kirchheim

Abstrakte Linien fordern das Gehirn

Projekt Die Stuttgarter Künstlerplattform „Linienscharen“ zeigt in der Galerie im Kornhaus noch bis 24. November die Ausstellung „Blasenflieger“. Dabei dreht sich alles um Zeichnungen verschiedenster Arten. Von Kai Bauer

Gekritzelt, geklebt oder oder gefleckt - im Kornhaus gibt es aktuell viele verschiedene Kunstwerke zu sehen. Foto: Carsten Riedl
Gekritzelt, geklebt oder oder gefleckt - im Kornhaus gibt es aktuell viele verschiedene Kunstwerke zu sehen. Foto: Carsten Riedl

Blasenflieger, Bodenroller, Kletthafter oder Körnchenflieger. . .“ - mit sprachlicher Akrobatik und spielerisch abstrahierenden Begriffskombinationen hat das Ausstellungskonzept der Künstlerplattform „Linienscharen“ in der Städtischen Galerie im Kornhaus begonnen. In der dritten Ausstellung des 40. Geburtstagsjahres dreht sich alles um das Thema Zeichnung.

„Linienscharen“ ist jedoch keine Künstlergruppe, sondern eine offene Plattform, auf der Zeichner in Kontakt treten und sich austauschen können. Sowohl die Zeichnung als auch die Sprache sind Darstellungsformen, die sich durch ein besonders hohes Maß an Abstraktion auszeichnen. Linien und Liniengefüge bewirken, dass ein großer Teil der Rezeption dem Betrachter zufällt, der - ähnlich wie bei der sprachlichen Kommunikation - das eigentliche Bild in seinem Gehirn rekonstruieren muss.

In der Ausstellung kombiniert beispielsweise Karin Kramer die reine Konturzeichung des räumlichen Elements der Treppe mit einem malerisch-flächigen Bildelement, das aus einem überarbeiteten Fleck lasierter Farbe entwickelt wurde. Auch in den figürlichen Motiven von Thomas Volkwein oder den räumlichen Welten von Christian Pilz entstehen Figuren und Objekte im zeichnerischen Spiel mit leeren oder schraffierten Hintergründen. Darüber hinaus legt die Plattform großen Wert auf den sprachlichen Austausch und veranstaltet Vorträge und Diskussionen.

Was ist heute eigentlich noch zur Zeichnung zu sagen? Ist denn nicht schon alles gezeichnet und alles dazu gesagt worden, spätestens seit den Höhlen von Lascaux, Leonardo da Vinci, Rembrandt und Joseph Beuys? Mit „Wiederaufnahme als künstlerische Arbeitsstrategie“ fokussiert die Ausstellung daher auf ein sehr spezielles Momentum, das im Verlauf zeichnerischer Prozesse auftreten kann. An einer Zeichnung wird, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr weitergearbeitet, sie landet „vorläufig fertig“ irgendwo in einer Mappe, an der Wand des Ateliers oder bleibt auf dem Zeichentisch liegen.

Und dann gibt es einen zweiten Anlass, dieses Motiv noch einmal anzugehen, es zu verändern, den Fokus auf einen anderen Aspekt zu verschieben oder die Wirkung zuzuspitzen. Die Ausstellung der Arbeiten von über fünfzig Künstlern zeigt dazu interessante Beispiele. „Es begann, als alle Wolken verschwanden, ersetzt durch dunkle Linien, die einander kreuzten“, schreibt Stefanie Reling-Burns zu ihrer Neufassung eines zehn Jahre alten Motivs in einem begleitenden Heft, das als Lose-Blatt-Sammlung in der Ausstellung ausliegt. „Im Heft ist auch das jeweilige Ausgangsmaterial zu sehen, und Wiederentdeckung, Neubewertung und Weiterführung werden als zusammenhängender Prozess des eigenen Tuns dokumentiert“, erklärte Monika Schaber, Mitglied des Kunstbeirats in ihrer Einführung, „Zeichnung zieht sich kontinuierlich durch die 40 Jahre, oft in Zusammenhang mit einer räumlichen Inszenierung.“

In der Jubiläumsausstellung wird lediglich die große Ausstellungswand mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten der Gattung bespielt und lädt damit zum kritischen Vergleich ein. Hier wird etwas überkritzelt, da etwas über- oder aufgeklebt. Mit Tusche werden Flecken aufs Blatt gebracht, bis etwas entsteht, was irgendwie interessant aussieht. Stärker als die experimentelle Zeichnung, und damit zeitlos, erscheinen Zeichnungen, die als Plan für etwas, was noch gemacht werden will, entstanden sind, und die ihre Wirkung aus der Reduktion auf das unbedingt Notwendige beziehen.

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