Kirchheim

Ärger über Scheuers Blockade

Motorradlärm Der Verkehrsminister will nichts von den im Bundesrat gefassten Beschlüssen umsetzen. Bei den Betroffenen sorgt das für Kopfschütteln. Von Bernd Köble

Auch Owen ist MItglied des Aktionsbündnisses Motorradlärm. Nicht nur der Durchgangsverkehr ins Lenninger Tal stört manche Bürger
Auch Owen ist MItglied des Aktionsbündnisses Motorradlärm. Nicht nur der Durchgangsverkehr ins Lenninger Tal stört manche Bürger, auch die Straße in Richtung Teck wird oft als rennstrecke missbraucht.Foto: Carsten Riedl

Wer fünf Tage die Woche arbeitet, will am Wochenende seine Freiheit genießen. Sätze wie diese hat Michael Schlecht in Gesprächen mit Motorradfahrern schon häufig gehört. Doch was ist mit denen, fragt er sich, die nach einer harten Arbeitswoche die Ruhe in Haus oder Garten genießen wollen? Die gehen gegen Motorradlärm auf der Straße vermehrt auf die Barrikaden. „Die Zahl der Beschwerden, die im Rathaus eingehen, hat deutlich zugenommen,“ muss Lenningens Bürgermeister feststellen. Dabei geht es nicht nur um Motorräder, sondern auch um hochgezüchtete Sportwagen, die den Albtrauf an manchen Tagen akustisch in ein Motodrom verwandeln. Nicht nur in den Teilgemeinden Gutenberg oder Unterlenningen, wo das Brüllen der Motoren an sonnigen Wochenenden zum Dauersound der Albsteigen gehört, sondern fast überall im Lenninger Tal. Was den Schultes am meisten beunruhigt: Nicht nur die Zahl der Beschwerden wächst, „sondern auch das Gefühl, die Politiker tun ja nichts,“ sagt er. Lenningen ist wie die Albanrainer Owen oder Beuren Mitglied im landesweiten Aktionsbündnis gegen Motorradlärm. Doch was bringt das?

Mitte Mai haben die Länder im Bundesrat eine Entschließung gefasst, die den Lärm durch Motorräder deutlich mindern soll. Es geht um schärfere Grenzwerte und härtere Strafen bis hin zu Fahrverboten an Wochenenden und Feiertagen auf bestimmten Strecken. Auf den Weg bringen müsste den Katalog das Verkehrsministerium in Berlin. Doch der zuständige Minister Andreas Scheuer (CSU) hat bei einer Biker-Demo unlängst in München selbstbewusst verkündet, dass er nichts von all dem umsetzen werde.

Nicht nur für Michael Schlecht ein Schlag ins Gesicht jedes lärmgeplagten Bürgers. Zwar lehnt auch Lenningens Rathauschef Fahrverbote ab, weil sie aus seiner Sicht das Problem nur verlagern. Er fragt sich dennoch: „Wie kann man mit einem Handstreich sämtliche vom Bundesrat vorgeschlagene Maßnahmen vom Tisch wischen?“ Ohne technische Verbote, strengere Kontrollen und deutlich schärfere Sanktionen geht es aus seiner Sicht nicht. „Wir wollen nicht das Motorradfahren abschaffen,“ sagt Schlecht. „Aber wir brauchen einen vernünftigen Kompromiss.“

„Lärm macht krank“

Das sehen auch Landespolitiker so, die Tempolimits oder örtliche Sperrungen auch ohne den Bund durchsetzen könnten. „Lärm macht krank, und dieser Lärm ist unnötig,“ sagt der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Andreas Schwarz. Er wirft dem Bundesminister veranwortungsloses Handeln vor. „Dieses Beispiel zeigt erneut, dass Herr Scheuer im Amt eine komplette Fehlbesetzung ist.“ Der Minister lasse damit nicht nur die Länder im Stich, sondern auch lärmgeplagte Bürger.

Beim Stuttgarter Regierungspartner ist man vorsichtiger. Zu laute Motorräder seien zwar ein ernstes Problem, das man angehen müsse, sagt Karl Zimmermann. Gleichzeitig weigert sich der Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordnete jedoch, alle Biker in Sippenhaft zu nehmen. Er sieht die Hersteller in der Pflicht und setzt auf Einsicht in der Szene. „Meine Fraktion ist zu diesem Thema im Gespräch mit Vertretern der Motorradfahrer.“

Doch wer sind die Motorradfahrer eigentlich? Rund 4,5 Millionen Motorräder sind in Deutschland zugelassen. Doch nur etwa 20 000 Fahrer sind im Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM) organisiert. Den direkten Kontakt haben am ehesten die Händler. „Wir klären unsere Kunden auf, was erlaubt ist und was nicht. Am Ende muss jeder selbst entscheiden,“ sagt Sabine Weidenkeller, seit 43 Jahren Kawasaki-Händlerin in Nürtingen und gemeinsam mit ihrem Mann eine Institution in der Szene. Ihre Kundschaft ist nach Alter bunt gemischt. Die überwiegende Mehrheit, betont sie, sei sehr vernünftig. „Die Sorge um den Führerschein ist bei den meisten viel zu groß..“ Doch auch die Fachfrau macht sich nichts vor: „Ausreißer gibt es immer,“ sagt Sabine Weidenkeller. „Um die Auspuffanlage entsprechend umzubauen, genügt meist ein Handgriff.“

Hersteller mischen kräftig mit

Eine Lautstärke von 77 Dezibel ist das, was der Gesetzgeber für Motorräder zurzeit offiziell erlaubt. Die Praxis sieht anders aus: Zahlreiche Modelle von unterschiedlichsten Herstellern liegen laut „Motorradonline“ bereits ab Werk nah an der 100-Dezibel-Marke oder sogar darüber. Der Grund ist schnell erklärt: weil es die Kundschaft wünscht. Motorrad-Hersteller oder auch Sportwagenfirmen wissen, was sie ihrer Klientel schuldig sind und stecken viel Geld in so genanntes Sound-Design.

Kaum ein Limit gibt es nach oben: Das Angebot von Auspuffanlagen für Motorräder, die den „kernigen Sound“ versprechen, ist unüberschaubar. Endtöpfe kosten nicht selten unter hundert Euro und sind im Handumdrehen montiert. Wer Hilfe benötigt, erhält sie im Netz. Die Firma Louis mit Sitz in Hamburg, Europas führender Bike-Ausstatter, bietet auf ihrer Internetseite eine detaillierte Montageanleitung an. Der Tipp der Experten: „Wer es einmal richtig krachen lassen möchte, kann zusätzlich den Dezibel-Absorber entfernen.“ bk

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