Kirchheim

Akribisch ausgewählte Schnipsel

Vernissage Im Kornhaus ist die Ausstellung „Papier trouvé“ von Wolfgang Knauß zu sehen. Die Objekte setzen sich mit den Spuren der Zivilisation auseinander. Von Helga Single

Wenn gefundene Papiere zu Kunst werden: Die Objekte - auch als „Deponien der Zeitläufe“ bezeichnet - wollen zum Nachdenken anreg
Wenn gefundene Papiere zu Kunst werden: Die Objekte - auch als „Deponien der Zeitläufe“ bezeichnet - wollen zum Nachdenken anregen. Foto: Helga Single

Der in Stuttgart lebende Künstler Wolfgang Knauß arbeitet mit zartem Papier, Kartonagen und Fotografien. „Für die Ausstellung im Kornhaus hat er mit Achtsamkeit und Sensibilität Papier­reliefs, Collagen und Fotografien ausgesucht, die zusammen mit den Räumen im Kornhaus eine Einheit bilden“, sagt Florian Stegmaier, Leiter des Kulturrings, der die Einleitung zur Vernissage hält. Um die 50 kunstinteressierte Besucher sind gekommen. Sie möchten die Arbeiten, den Menschen und den Künstler kennenlernen.

Wolfgang Knauß bezeichnet seine Werke als „Papier trouvé“, also gefundene Papiere, was eine Anlehnung an die Surrealisten und Dadaisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts vermuten lässt. Objets trouvés sind, besonders seit Kurt Schwitters, ein Bestandteil der Objektkunst, in der Gegenstände ohne jede Veränderung in ein Kunstwerk integriert werden und dadurch in einem anderen Kontext erscheinen. „Manchmal erzählt das Banale mehr über unsere gesellschaftlichen Befindlichkeiten als das Bedeutende. Es offenbart eine Anatomie unseres Alltags“, formuliert Vivien Sigmund, Kunstgeschichtlerin und Laudatorin an diesem Nachmittag. Sie schlägt einen Bogen von den legendären Fett-Installationen eines Joseph Beuys, worüber man sich heute noch nicht einig ist, ob es Müll oder Kunst ist, bis zu den Arbeiten des Wolfgang Knauß, die aus Schnipseln, Fetzen, Kartonagen und „akribisch ausgewählten Teilen des Bodensatzes unserer konsumorientierten Wegwerfgesellschaft“ gestaltet sind.

Doch eben jener Müll hat erstaunliches Potenzial durch seine Ästhetik - und eine gewisse „Welthaltigkeit“, die die Spuren der Zivilisation widerspiegeln. „Seine Arbeiten sind haptisch, greifbar, immer einzigartig und ein bisschen wie gelebtes Leben“, erläutert Vivien Sigmund. Vor allem befinden sie sich in den unterschiedlichen Stadien des Verfalls, etwas zutiefst Lebendiges und Menschliches. „Deponien der Zeitläufe“ eben. So tragen einige Collagen den Titel „Zeitzeichen“, was seltsam anmuten lässt.

Seine Bilder erscheinen als geometrisches Gefüge, frei von jeder Gegenständlichkeit, wenn auch hin und wieder Fragmente von rausgerissenen Buchseiten, gemalte Herzen oder Fragmente von Zeichnungen auftauchten. Worum es geht, ist der Aufbau, ihre Gesamtheit und Beziehung der einzelnen Elemente zueinander. Eben ein pures ästhetisches Erscheinen, das in der Balance zwischen Tiefenwirkung und Dynamik der Teile die Wahrnehmung der Betrachter schärft. „Wenn wir uns auf das Sehen und Erspüren einlassen, kann es uns auch gelingen, jenen eigentümlichen Zauber wahrzunehmen, der wohl auch Wolfgang Knauß dazu bewogen hat, genau jenes Objekt so zu gestalten und zu präsentieren“, ist die Kunstgeschichtlerin überzeugt.

Info Die Ausstellung ist noch bis zum Sonntag, 24. November, in der Städtischen Galerie Kornhaus in Kirchheim zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr.

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