Kirchheim

Alexander Krichel führt vom Schatten ins Licht

Konzert Worte können Musik zerstören. Doch nach den ersten, grandiosen Takten des Wunderpianisten Alexander Krichel in der Stadthalle war alles verziehen. Von Ernst Leuze

Welcher Teufel hat den Konzertagenten des Pianisten denn geritten, ein „Programm“ mit Moderation dem Kulturring Kirchheim anzubieten? Das kann nur ein „Gaspard de la nuit“ gewesen sein, eine Spukgestalt, die uns erschaudern lässt. So etwa könnten die vielen Zuhörer gedacht haben, die am Sonntag in der Kirchheimer Stadthalle zum Wunderpianisten Alexander Krichel gekommen waren. Er sollte ja die spieltechnisch schwerste Musik, die je für Klavier geschrieben worden ist, den staunenden Musikfreunden vorführen. Doch anstatt sich sogleich in den pianistischen Hexensabbat zu stürzen, griff der noch keine 30 Jahre alte Weltstar zum Mikrofon, begrüßte artig die Zuhörer und setzte zu einem Volkshochschulseminar an. Glaubte er denn, es habe ihn zu einem Blindenklub verschlagen? Fast alles war im Programm zu lesen.

„Was denken Sie beim Namen Maurice Ravel“, wurden die Zuhörer trotzdem gefragt. Das war eine Herausforderung an das Bildungsbürgertum. Beflissen nannte es „Bolero“. Doch ausgerechnet dieser stand nicht auf dem Programm; dafür verhedderte sich der smarte Jungstar, zu dem er sich inzwischen herunterstilisiert hatte, in nutzlose Überlegungen, ob der Bolero Folter sein könne oder nicht. In Abwandlung des Programm-Untertitels, „Licht und Schatten bei Ravel“ war man geneigt zu sagen: Jetzt ist’s aber genug des Schattens!

Endlich die Erlösung

Endlich die Erlösung: ein herrlich erfrischendes Perpetuum mobile in Form eines lebhaften Präludiums, das den sechsteiligen Zyklus „Le Tombeau de Couperin“ eröffnete. Eine Huldigung an die bedeutenden französischen Clavecinisten, für die der große Couperin steht. Wie das perlte, blitzte und funkelte! Ein Stück nach dem anderen, mutig, mit wenig Pedal gespielt, kristallklar, makellos, meisterhaft. Man wusste nicht, was man mehr bewundern sollte: die geistreiche Musik des französischen Basken Ravel, voller Überraschungen mit Schlüssen, deren Raffinesse ihresgleichen sucht, oder die traumhafte Sicherheit des Pianisten, der jeder kleinsten Nuance emotional nachspürte. Den faszinierenden Harmonien und Klangfarben fügte er einen Ozean von Stimmungen hinzu, in dem man fast unterging.

Nach der Pause „the same procedure“: die lästige Vorlesung.Ein Fluch geradezu, denn bei dem Stück „une barque sur l’océan“ wartete man, wie vorgewarnt, immer auf den nächsten Sturm, nach den Meeresstillen. Das lenkte sträflich von der Musik ab; sie bedarf keiner Worte, schon gar nicht der gesprochenen. Diese verblassen hinter den grandiosen Tönen zu einem banalen Nichts.

Manche halten Ravel für den größten Komponisten des 20. Jahrhunderts, vergleichbar mit Johann Sebastian Bach. Wer bei den Gespensterstücken von „Gaspard de la nuit“, die Alexander Krichel zum Schluss zelebrierte, noch an Hell und Dunkel dachte, wie von Programm und Moderator empfohlen, hat sich um das Beste gebracht: Weltmusik von einem Giganten der Musikgeschichte, gespielt von einem Weltklassepianisten. Unvergesslich, welche Klangfarben Alexander Krichel hervorzauberte, nicht nur in den dankbaren Mittellagen. Auch noch den schwärzesten Bässen entlockte er irrlichternde Funken.

Dann der Absturz ins Bodenlose: Als Zugabe eine Eigenkomposition des Pianisten, das Klavierstückle von „Helene Krichelmann“, wie ein erboster Besucher witzelte. Vergessen wir es schnell und rufen dem Konzertagenten zu: Mit solche Mätzchen bekommst du keinen einzigen Zuhörer zusätzlich in deine Klavierabende. Kirchheim hat zwar keine „Elphi“ wie Hamburg, woher Alexander Krichel stammt, jedoch ein Publikum, das noch der Musik wegen ins Konzert kommt.

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