Kirchheim

„Alle Menschen sind frei“ - oder doch nicht?

Menschenrechte Der Kirchheimer Postplatz hat eine neue Skulptur bekommen. Sie ist Teil einer Kampagne von Amnesty International. Von Anna-Leah Gebühr

Eine Lesung mit Musik begleitete gestern die Aufstellung der Menschenrechtsskulptur auf dem Kirchheimer Postplatz.Foto: Carsten
Eine Lesung mit Musik begleitete gestern die Aufstellung der Menschenrechtsskulptur auf dem Kirchheimer Postplatz.Foto: Carsten Riedl

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) hat Geburtstag: 70 Jahre alt ist sie jetzt schon. Dieses Jubiläum nimmt Amnesty International zum Anlass für eine Kampagne. Das ganze Jahr über werden Aktionen ausgeführt. Eine davon ist jetzt in Kirchheim zu sehen: eine über zwei Meter große Skulptur der bekanntesten Druckausgabe der AEMR. In einem großen, aufgeschlagenen Buch sind alle Artikel der Erklärung zu lesen. Die Skulptur tourt den ganzen Sommer durch Deutschland und macht bis 23. Juli in Kirchheim halt.

„Wir sind in einer privilegierten Situation mit unserer Freiheit“, meint Renate Hirsch von der Kirchheimer Ortsgruppe. Doch das ist nicht selbstverständlich. Deshalb setzt sich Amnesty International für Menschenrechte auf der ganzen Welt ein. Die Rechte und Freiheiten von allen Menschen sind in der AEMR verankert und sie bildet auch die Grundlage der Arbeit von Amnesty International. Denn: „Der Staat muss die Rahmenbedingungen schaffen, diese Freiheiten auszuleben“, sagt Renate Hirsch.

Renate Hirsch und Karin Zweibrücker, die Gruppensprecherin der Ortsgruppe Kirchheim, sind schon lange dabei: Renate Hirsch ist seit 1981 für Amnesty aktiv, und in den 90ern stieß Karin Zweibrücker zu der Gruppe. Die Organisation von Amnesty International ist den beiden sehr wichtig: Die Vereinigung ist überparteilich und nimmt auch keine Spendengelder von staatlicher Seite an. Außerdem sind alle Fälle außerordentlich gut dokumentiert und recherchiert. Politische Positionen versucht die Organisation zu vermeiden. Leider ist es „in der Praxis nur ein sehr schmaler Grad“ zwischen nicht-politischen und politischen Aussagen, erzählen die beiden.

So gibt es zum Beispiel Kampagnen im Zusammenhang mit Flüchtlingspolitik, die sich aber auf die Wahrung der Menschenrechte und nicht auf die parteipolitischen Hintergründe fokussieren. Außerdem gilt der Grundsatz: Es wird nicht an Fällen im eigenen Land gearbeitet. Das übernehmen dann Gruppen aus anderen Ländern.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sollte ein „nicht antastbares Rechtsfundament“ sein, meinen die beiden Kirchheimerinnen. Sie wurde von vielen Staaten bestätigt. Doch leider gerät die AEMR in Vergessenheit. Deshalb wurde die Deutschlandtour der Buchskulptur gestartet.

Auch Aktivisten, die auf der ganzen Welt für die Menschenrechte eintreten, geraten oft in Schwierigkeiten. Die zwei Kirchheimer Amnesty-Vertreterinnen sorgen sich vor allem um Aktivisten in Lateinamerika. „Es ist sehr mutig, sein Leben für diese wichtigen Anliegen zu gefährden“, finden sie. Ein wichtiges Thema in Lateinamerika sind unter anderem Landrechte für indigene Bevölkerungen. Viele Menschenrechtler werden verfolgt, inhaftiert oder sogar ermordet. Amnestys größte Waffe: Menschen. Viele Leute, die viele Briefe schreiben. „Die Masse macht’s“, meint Karin Zweibrücker. Diese Aktionen können viel bewirken. Sie sind dazu gedacht, eine Öffentlichkeit für Menschenrechtsverletzungen zu schaffen. Die bekannteste dieser Aktionen sind die sogenannten „Briefe gegen das Vergessen“.

Jeden Monat werden drei Fälle vorgestellt. Amnesty ruft dazu auf, Briefe an die für die Menschenrechtsverletzung verantwortliche Regierung oder Institution zu schreiben. So wird gezeigt, dass diese Unrechtmäßigkeiten nicht ungesehen verübt werden können. „Da kommt echt etwas an“, freuen sich die beiden Ortsgruppenmitglieder. Amnesty International hat ungefähr sieben Millionen Mitglieder auf der ganzen Welt. Durch die Menge an Leuten kann Aufmerksamkeit auf Themen oder auch Einzelpersonen gelenkt werden.

Außerdem betreibt die Organisation auf Deutschlandebene Lobbyarbeit und tritt mit dem Auswärtigen Amt in Kontakt. Reisenden Politikern geben sie manchmal Forderungen mit. So versuchen sie, Staaten dazu zu bewegen, die Menschenrechtserklärung einzuhalten. Wenn es schnell sein muss, zum Beispiel um eine Hinrichtung zu verhindern, startet Amnesty International sogenannte „urgent actions“. Diese „dringenden Aktionen“ rufen alle Mitglieder auf den Plan, die dann meist durch E-Mails versuchen, Unrechtmäßiges zu verhindern. Die Erfolgsquote dieser Aktionen ist relativ hoch. Außerdem ist es oft auch möglich, an Inhaftierte persönlich zu schreiben. Das kann Hoffnung geben.

Diese Aktionen machen es auch möglich, sich von Kirchheim aus für Menschenrechte einzusetzen. Zwar „schreibt man oft ins Leere“, aber der „stete Tropfen höhlt den Stein“, erzählen die Amnesty-Vertreterinnen über ihr Engagement. Durch die tourende Menschenrechtserklärung hofft Amnesty, zu informieren, Interesse zu wecken und auch mehr Unterstützung zu gewinnen. Denn: Für Menschenrechte kann man sich auch von zu Hause aus Kirchheim einsetzen.

Amnesty International und Menschenrechte

Seit 57 Jahren gibt es Amnesty International schon, die Ortsgruppe Kirchheim wurde nur einige Jahre später gegründet.

20 aktive Mitglieder hat die Amnesty Ortsgruppe in Kirchheim. Sie treffen sich einmal im Monat.

Kontrolliert werden die Menschenrechte in der ganzen Welt durch den Uno-Menschenrechtsrat und den internationalen Strafgerichtshof.

Eleanor Roosevelt war entscheidend an der Erstellung der AEMR beteiligt. Sie war Vorsitzende der UN-Kommission, die die Erklärung verfasste. Ihrer Meinung nach fangen Menschenrechte überall an, und zwar an allen Orten, an denen nach gleichen Rechten gesucht wird.

In über 50 Ländern sind laut den Vereinten Nationen Menschenrechte bedroht. Auch EU-Staaten haben keine weiße Weste: Die Flüchtlingspolitik ändert die Situation in Europa.

30 Artikel hat die AEMR. Von dem Verbot der Folter über das Recht auf Asyl bis hin zu dem Recht auf Erholung und Freizeit ist alles vertreten.

Ein Grußwort spricht Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker am Postplatz am Samstag, 21. Juli, um 16 Uhr. Am Sonntag, 22. Juli, um 10 Uhr planen LUG-Schüler einen Flashmob. alg

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