Kirchheim

Als die Autos fahren lernten

Neuerscheinung Um bei der Kur die Langeweile zu vertreiben, schrieb Norbert Kugel ein Buch über die „Bekannten und Unbekannten aus dem Automobilbau“. Von Iris Häfner

Norbert Kugel präsentiert sein Buch im Feuerwehrmuseum. Foto: Markus Brändli
Norbert Kugel präsentiert sein Buch im Feuerwehrmuseum. Foto: Markus Brändli

Die Leidenschaft fürs Auto lässt Norbert Kugel seit Jahrzehnten nicht los. Dabei mussten die Motoren durchaus mit Badeseen konkurrieren, denn auch das kühle Nass hat seine Anziehungskraft für den Jesinger, der seine Kindheit in Schwäbisch Gmünd verbrachte - und damit am und im Schießtalsee. „Schwimmen ist meine Welt“, sagt Norbert Kugel.

Ein Kuraufenthalt vor geraumer Zeit regte ihn gleich in mehrfacher Hinsicht zu Aktivität an: sowohl körperlich als auch geistig. Waren die Anwendungen vorüber, kam im Zimmer bei Norbert Kugel offensichtlich Langeweile auf, ein Zustand, dem sofort Einhalt geboten werden musste. Abhilfe verschaffte ihm ein Laptop. „So ein Gerät ist ein Segen“, sagt er. Norbert Kugel wandelte auf den Spuren von bekannten und unbekannten Pionieren des Automobilbaus. Das Ergebnis liegt nun in Buchform vor und gibt Einblicke von den Anfangsjahren bis 1950.

In seinem Vorwort gibt Norbert Kugel Einblick, wie die Liebe zu den Fahrzeugen sämtlicher Art schon früh geweckt wurde. Mit 13 Jahren konnte er mit einem Borgward-Lkw-2500 nach Blaubeuren fahren. Voll beladen mit Zementsäcken ging es über die Blaubeurener Steige wieder zurück. Dort verließ der Fahrer kurzerhand den Führerstand und lief um den Lkw herum, ehe er wieder einstieg und wieder das Steuer übernahm. Ein stolzer Norbert hatte in der Zwischenzeit zum ersten Mal selbst ein Fahrzeug lenken dürfen. Dieses Erlebnis blieb nicht ohne Folgen. „Mit 15 Jahren habe ich mir das erste Fahrzeug zugelegt: ein Victoriarad mit Hilfsmotor. Einen Führerschein vor 18 Jahren zu erhalten war nicht einfach. Man brauchte einen Erziehungsberechtigten, der unterschrieb. Mit 17,5 Jahren habe ich, ohne Rücksprache mit meinen Eltern, einen Fiat Topolino für 20 Mark gekauft und mit der Schrauberei begonnen - mit Erfolg“, erzählt er. Doch zu seinem großen Bedauern musste er ihn wieder abgeben, weil er keinen Kaufvertrag unterschreiben durfte. „Ich habe dabei aber einen Gewinn gemacht“, freut er sich heute noch darüber. Immerhin hat ihm sein Vater eine BMW Isetta zugestanden - und beim Kauf des 356-er Porsche hat sein älterer Bruder unterschrieben.

Vor allem die Pioniere und Wegbereiter des Automobils haben es Norbert Kugel nun im fortgeschrittenen Alter angetan. „In den Jahren von 1890 bis 1920 ist im Automobilbau sehr viel bewegt worden“, wurde ihm durch seine Recherche bewusst. Daimler, Benz, Bosch oder Maybach dürfen in solch einem Werk nicht fehlen. Ein Name fällt im Gespräch mit dem Autor jedoch recht häufig, obwohl ihn kaum einer kennt: „Ich habe mir den Buschmann vorgenommen“, erklärt der Autor. Seiner Ansicht nach hat Heinrich Buschmann einst das schönste Feuerwehrauto im süddeutschen Raum konstruiert. „Deshalb habe ich mich auf die Suche nach dem Konstrukteur gemacht“, erzählt Norbert Kugel. Er fand heraus, dass noch Kinder von ihm in Esslingen leben, dort lehrte an der Maschinenbauschule.

Der Leser erfährt, dass der Maybach fast ein Opelianer geworden wäre und Theodor Bergmann und Joseph Vollmer den Grundstein für die Autostadt Gaggenau legten. Vollmer war nicht nur Autopionier, sondern auch Vordenker des Deutschen Institutes für Normung (DIN). Der erste Traktor ratterte am Bodensee und den ersten Strafzettel bekam der Automobilist Alexander Gütermann für zu schnelles Fahren am 16. Mai 1895 in Waldkirch. Auch im nahegelegenen Denzlingen war der Spross einer Nähzwirn-Dynastie nicht gut angesehen: „Und dann saust dieses Benz-Motor-Pferd mit 25 Kilometer pro Stunde vorbei. Anzeigen, den Kerl. Die Vorhänge haben geflattert“, wurde ihm aus einer Gaststätte nachgerufen.

Ohne Feuerwehrtechnik geht es bei Norbert Kugel, dem Ehrenvorsitzenden des Vereins der Freunde und Förderer der historischen Feuerwehrtechnik der Freiwilligen Feuerwehr Kirchheim, logischerweise nicht. „Wir müssen die ersten sein, die unsere Feuerspritzen und die Leitern auf diese Stinkkästen montieren und nicht die letzten“, zitiert er Conrad Dietrich Magirus. Rottweil war im Jahr 1917 die erste Stadt, die eine Original-Magirus-Kraftfahrspritze erhielt.

Info Wer den Autor kennenlernen will, hat bei der Buchpräsentation Gelegenheit dazu. Die findet statt am Samstag, 21. Oktober, um 10 Uhr - im Kugelsaal im Feuerwehrmuseum in Kirchheim, Henriettenstraße 84. Um eine Anmeldung wird gebeten per Mail an nkugel@web.de oder telefonisch unter der Nummer 0 70 21/5 56 28. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Das Buch „Die Bekannten und Unbekannten aus dem Automobilbau“ kostet 36 Euro.

Ein Volkswagen namens Gatter

Willibald Gatter wurde in Nordböhmen geboren, lebte nach den Wirren des Krieges jedoch in Kirchheim. Er war während des Ersten Weltkriegs Konstrukteur bei den Skoda-Werken.

Ferdinand Porsche erkannte Gatters außergewöhnliche Begabung. Willibald Gatter wollte einen preisgünstigen Viersitzer bauen, der die Motorisierung breiter Volksschichten ermöglichen würde. Ende des Jahres 1926 war der Prototyp des Gatter-Wagens, auch Europawagen genannt, fahrtüchtig.

im Autowerk Gatter-Reichstadt wurden von 1930 bis 1936 rund 1 650 Kleinwagen gebaut. Dem harten Konkurrenz mit den kapitalstarken Autoproduzenten war das Werk jedoch nicht gewachsen. „Gatter hat den ersten Volkswagen gebaut“, sagt Norbert Kugel. ih

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