Kirchheim

Als in Jesingen Bomben gebaut wurden

Historie 1980 verübte die rechtsterroristische „Deutsche Aktionsgruppe“ sieben Brand- und Sprengstoffanschläge.

Das mediale Echo auf den rechten Terror aus Kirchheim war Anfang der Achtzigerjahre groß. Montage: David Hofmann
Das mediale Echo auf den rechten Terror aus Kirchheim war Anfang der Achtzigerjahre groß. Montage: David Hofmann

Kirchheim. Rechtsextremistische Anschläge mit Toten und Verletzten, die in Kirchheim geplant und vorbereitet wurden - das hat es schon einmal gegeben: Zwischen Februar und August 1980 zog die terroristische Vereinigung „Deutsche Aktionsgruppen“ eine blutige Spur durch die Bundesrepublik. Mittendrin: Heinz Colditz, Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Dettingen mit Praxis am Kirchheimer Schlossplatz, und Raymund Hörnle, Werkmeister aus Jesingen. Die beiden bekennenden Neonazis waren damals 50 und 49 Jahre alt.

Gründer und Kopf der terroristischen Vereinigung war der zu dieser Zeit bekannte Rechtsextremist und Holocaustleugner Manfred Roeder aus Berlin. Auf das Konto der „Deutschen Aktionsgruppen“, zu der auch Roeders Geliebte Sibylle Vorderbrügge aus Hamburg zählte, gingen insgesamt sieben ausländer- und judenfeindlich motivierte Sprengstoff- und Brandanschläge.

Den ersten verübten Heinz Colditz und Raymund Hörnle im Februar 1980 mit einem Sprengsatz auf eine Auschwitz-Ausstellung im Landratsamt Esslingen. Zwei Monate später zündete das Duo eine Bombe vor dem Wohnhaus von Landrat Hans Peter Braun in Ruit. In beiden Fällen war es bei Sachschäden geblieben, ebenso beim dritten Anschlag auf eine Schule in Hamburg, in der Ausstellungen zur Erinnerung an Naziverbrechen stattfanden und die während des NS-Regimes als KZ-Außenstelle gedient hatte.

Erste Verletzte forderten die Anschläge im Juli und August 1980 auf das Ausländersammellager im fränkischen Zirndorf, ein Hotel in Leinfelden, in dem Asylbewerber untergebracht waren, sowie eine Asylantenunterkunft in Lörrach.

Die folgenschwerste Tat verübte Hörnle mit Vorderbrügge am 22. August 1980, als bei einem Brandanschlag auf ein Übergangsheim für Flüchtlinge in Hamburg zwei Vietnamesen getötet wurden.

Lebenslange Haft für Hörnle

Nachdem die Gruppe im September 1980 festgenommen und angeklagt worden war, gestanden die Mitglieder zu Prozessbeginn im Januar 1982 in Stuttgart-Stammheim die Taten. Hörnle gab zu, in seiner Hobby-Werkstatt in Jesingen die Bomben für alle sieben Anschläge gebaut zu haben. Der Vater von sechs Kindern wurde ebenso wie Sibylle Vorderbrügge wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Beide haben ihre Strafen mittlerweile abgesessen und sind nicht wieder in der rechten Szene aufgetaucht. Ob Hörnle noch lebt, ist unklar. Er wäre inzwischen 89 Jahre alt.

Einer seiner Söhne, der das Schwarzpulver für die Bomben besorgt hatte, wurde in einem Folgeprozess zu 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Sein Komplize, ebenfalls aus Kirchheim, erhielt wegen versuchten Mordes vier Jahre und zehn Monate. Heinz Colditz musste für sieben Jahre ins Gefängnis, Manfred Roeder für 13. Wegen guter Führung wurde er bereits 1990 entlassen. Er starb 2014. Peter Eidemüller

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