Kirchheim

Am Anfang stand die Villa für Max Weise

Architektur Im neuen Band der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs widmet sich der Historiker Dr. Eberhard Sieber dem Baurat Philipp Jakob Manz, der Kirchheim geprägt hat wie kein zweiter. Von Andreas Volz

Fast wie im Kino: Eberhard Sieber stellt seinen Schriftenreihenband über Philipp Jakob Manz mit vielen Bildbeispielen vor.Foto:
Fast wie im Kino: Eberhard Sieber stellt seinen Schriftenreihenband über Philipp Jakob Manz mit vielen Bildbeispielen vor.Foto: Carsten Riedl

Stadtbildprägendes hat sich Dr. Eberhard Sieber als Thema für einen kompletten Band der renommierten Kirchheimer Schriftenreihe ausgesucht: die Bauwerke des Architekten Philipp Jakob Manz. Das Buch mit der Bandnummer 38 trägt den etwas sperrigen Titel „Gründerzeitliche Villenarchitektur und repräsentativer Fabrikbau“.

Auch wenn Manz so bedeutende Bauten wie das heutige ZKM in Karlsruhe, den Augsburger „Glaspalast“ oder den Terrassenbau für die Uhrenfabrik Junghans in Schramberg hinterlassen hat, ist der neue Schriftenreihenband ein typisches „Kirchheimer Buch“. Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker attestierte dem Autor, dass es sich bei diesem Werk nicht um einen Schnellschuss handle, sondern „um das Ergebnis einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Manz und seinen Bauten“. Eberhard Sieber habe zahlreiche Kontakte zu Kirchheimern aufgebaut, die heute noch in Manz-Bauten wohnen oder arbeiten.

Nicht zuletzt ging die Buchvorstellung an einem besonderen Ort über die Bühne: in der einstigen Villa Weise, die über viele Jahre hinweg in Kirchheim als „Villa“ bekannt war und in der heute unter dem Namen „Villa Benz“ exklusive Veranstaltungsräume zu mieten sind. Gleich in doppelter Hinsicht sei dieses Haus bemerkenswert, stellte Eberhard Sieber in seinem Vortrag fest: Einerseits ist die Villa ein Werk des „Blitz-Architekten“ Philipp Jakob Manz. Und andererseits ist sie nichts Geringeres als sein Erstlingswerk: „Die Villa für Max Weise stand am Beginn einer großen Karriere.“

Für Eberhard Sieber spricht vieles dafür, dass Manz nur wegen dieses Gebäudes in der Dettinger Straße sein Büro nach Kirchheim verlegt hat – in die damalige Bahnhof- und heutige Kolbstraße. Es muss sich gelohnt haben: „Dieser Bau war für die Zeitgenossen eine Sensation.“ Sonntagsausflüge führten die Kirchheimer zu jenem „Landhaus“ gegenüber der Flanschenfabrik Emil Helfferich Nachfolger, die Max Weise 1887 übernommen hatte. Auch das Fabrikgebäude hat Manz entworfen. Es war einer der vielen Nachfolgeaufträge, die der 31-jährige Architekt nach dem Bau der Villa im Jahr 1892 bekam – nicht nur von Weise, sondern von allen Kirchheimern, die etwas auf sich hielten.

Ob Villen oder Fabrikgebäude, weit über Kirchheim hinaus galt Manz zu seiner Zeit im gesamtem süddeutschen Raum als Stararchitekt. Eine große Schwierigkeit gebe es bei der Erforschung von Manz‘ Leben und Werk, bedauert Eberhard Sieber: „Er hat keine schriftlichen Quellen hinterlassen. Man muss sich ihm von außen nähern, über seine Bauten.“

Dass eine wichtige Quelle über Manz fehlt, liegt übrigens an seiner Qualität als Planer und Bauleiter: „Er hat immer schneller gebaut, als man ihm vorgeschrieben hatte, und damit seinen Ruf als Blitz-Architekt begründet. Er hat alles schlüsselfertig abgeliefert. Es gab keine Schwierigkeiten, keine Klagen, keine Prozesse.“

Manz wurde von seinem Lehrer Otto Tafel an der Stuttgarter Baugewerkeschule in dessen Büro geholt, ohne dass er einen richtigen Abschluss vorweisen konnte. Der märchenhafte Aufstieg als selbständiger Architekt mit einem großen eigenen Büro begann mit Max Weise in Kirchheim, für den er immer wieder um-, an- und neu baute, unter anderem ein Haus zur Unterbringung von Pferdekutschen: „Der Stararchitekt baut einen Pferdestall. Aber was für einen! Das konnten sich nur Adlige und Großindustrielle leisten.“

An einer Stelle musste Eberhard Sieber freilich Wasser in den Wein gießen: „Karl May war tatsächlich in Kirchheim, in der Villa Weise. Aber nur kurz, und er war hier auch nicht schriftstellerisch tätig. Er hat seine Frau abgeholt, die in Folge einer Ehekrise zu den mit ihr befreundeten Weises geflüchtet war.“ Im Buch heißt es zu diesem Thema weiter: „Die Jugendlichen, die von ihrem Klassenkameraden Fritz Weise von dem Besuch erfahren hatten, waren ziemlich enttäuscht, nur einen mürrisch dreinblickenden Dichter zu erleben, der auf ihre Hochrufe gar nicht reagierte.“

Vortrag und Buch haben natürlich noch sehr viel mehr an Geschichte und Geschichten zu bieten, unter anderem über Davida Gräfin Yorck von Wartenberg, verheiratete von Moltke, und ihre Schwestern, die nach dem Zweiten Weltkrieg – vermittelt durch Eugen Gerstenmaier – in Kirchheim Unterschlupf fanden. Mit Manz hat das insofern zu tun, als dass die geflüchteten Schlesier aus dem Umfeld der Widerstandsbewegung vom 20. Juli 1944 in einem weiteren Manz-Bau unterkamen, in der Villa Fritz Weise. Dort residiert mittlerweile das Kirchheimer Polizeirevier.

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