Kirchheim

Amin sucht und er-findet die Wahrheit über sein Leben

Neuerscheinung Pierre Jarawans Roman „Ein Lied für die Vermissten“ spielt mit vielen verschiedenen Ebenen.

Kirchheim. „Ein Lied für die Vermissten“. So heißt Pierre Jarawans neuer Roman, und der Name ist Programm: Es geht darum, den 17 415 Vermissten aus der Zeit des Bürgerkriegs im Libanon eine Stimme zu geben. Offiziell wurde deren Verschwinden so lange wie möglich vertuscht. Wahrheitsfindungskommissionen tun sich bis heute schwer damit, ihrer namengebenden Aufgabe auch wirklich gerecht zu werden.

Archive, in denen außer dem fiktiven Ich-Erzähler Amin auch der reale Autor Pierre Jarawan geforscht hat, sind eher privaten als staatlichen Initiativen zu verdanken. Das private Interesse ist groß, weil Familien nach wie vor versuchen, etwas über das Schicksal und den Verbleib ihrer Angehörigen zu erfahren. Es geht um das permanente Suchen und Finden von Spuren der eigenen Geschichte.

Manchmal wird die Geschichte aber nicht nur ge-, sondern auch erfunden. Dazu passt die Tradition des orientalischen Geschichtenerzählens, an die auch Pierre Jarawans zweiter Roman nahtlos anknüpft. Das Motto dieses Erzählens lautet, anders als im Märchen: „Es war so. Und es war nicht so.“ Wer weiß das schon so genau?

Der Heranwachsende Amin weiß es nicht. Er weiß gar nichts. Entscheidende Phasen des Bürgerkriegs hat er mit seiner Großmutter im Exil in Deutschland verbracht. Um ihn zu schützen, erzählt ihm seine wichtigste Bezugsperson die Geschichte vom Unfalltod seiner Eltern. Als er die Wahrheit herausfindet, bricht er mit der Großmutter - und sucht weiter. Die Wahrheit hat schließlich viele Facetten.

Auch über seine eigene Geschichte findet Amin als Erwachsener viele Details heraus, die ihm beim aktiven Erleben in der Jugend entgangen waren. Manchmal wird auch die Perspektive des Ich-Erzählers verlassen. Trotzdem bleibt es Amin selbst, der die Geschichten der anderen in der dritten Person erzählt. So macht es auch sein Freund Jafar ständig - mit seinen eigenen Geschichten.

Die Erzählebenen sind vielschichtig. Immer wieder springt der Roman zwischen Zeiten und Orten. Der Autor erklärt seinen Ansatz im Gespräch: „Das nicht chronologische Erzählen ist wichtig, weil es um Erinnerungen geht, mit denen Leerstellen gefüllt werden. Und Erinnerungen sind nun einmal nicht stringent.“ Sie entsprechen auch nicht immer der Wahrheit. Und das „Lied für die Vermissten“? So heißt auch ein Gemälde, das im Roman die Schlüsselrolle spielt. Andreas Volz

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