Kirchheim

Andreas Reiner kriegt die Krise - direkt vor seine Linse

Dokumentation 33 Kirchheimer Gaststätten in geschlossenem Zustand werden Hauptakteure einer Slide-Show.

Andreas Reiner fotografiert im Kirchheimer Stadtkino den nahezu leeren Innenbereich des Bistros „Filmriss“. Foto: Carsten Riedl
Andreas Reiner fotografiert im Kirchheimer Stadtkino den nahezu leeren Innenbereich des Bistros „Filmriss“. Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Erst zum zweiten Mal in seinem Leben ist Andreas Reiner aus Warthausen bei Biberach nach Kirchheim gekommen. Dieses Mal hat sein Aufenthalt in der Teckstadt aber eine historische Dimension: In 33 Gaststätten dokumentiert der Fotograf die Leere der Corona-Zeit. Ähnliche Aufnahmen hat er zuvor auch schon in Ulm und Biberach gemacht. Auf seiner Homepage sind die Bilder als Dia-Show zu sehen, unterlegt mit Klaviermusik. Die Fotos, die er gestern in Kirchheim geschossen hat, will er bereits am heutigen Freitag unter sichtlichmensch.com im Internet präsentieren.

Michael Holz hat ihn nach Kirchheim geholt, nachdem er die Fotos aus Biberach und Ulm gesehen hatte: Inhaber oder auch Mitarbeiter stehen in ihren leeren Wirtschaften, Kneipen oder Eisdielen. Es sind nicht nur ausdrucksstarke Fotos, sondern auch Zeitdokumente. Oft wirken die Bilder so, als wären sie bereits historisch - als stammten sie aus einem Bildband über Rezessionen früherer Zeiten. Die Lokale erinnern an Interieurs aus Geisterstädten.

Andreas Reiner wollte nach dem ersten Projekt in Biberach eigentlich schon aufhören: „Das war alles andere als leicht. Ich war ziemlich fertig. Ich habe jedes Mal die Geschichte gehört, die hinter dem Bild steckt.“ Und diese Geschichten waren keine schöne Geschichten, weil der gute Ausgang fehlte. Er wird noch auf lange Zeit hinaus fehlen - selbst wenn die Wirtschaften ab 18. Mai wieder öffnen dürfen. Der Ausgang der Geschichten bleibt weiter ungewiss.

Mit seiner Arbeit, für die er in diesem Fall kein Geld verlangt, will Andreas Reiner aber keine Tris­tesse verbreiten oder gar Untergangsstimmung heraufbeschwören. Im Gegenteil: Er hofft, dass seine Fotoserie den Gastronomen viel Aufmerksamkeit bringt: „Jeder Wirt hat ja auch immer seine eigene Fangemeinde.“

Gerade die Stammgäste werden jetzt wichtig. Das hat Andreas Reiner schon öfters festgestellt: „Normalerweise sind es die Gäste, die den Wirten ihre Geschichte erzählen. In Corona-Zeiten sind es dagegen die Gäste, die auch mal bei ihren Wirten anrufen und fragen, wie es ihnen geht. Da ist es also zu einem Rollentausch gekommen.“

Der Krise zum Trotz, versprüht Michael Holz seinen Optimismus: „Wenn alles vorbei ist, machen wir diese Tour noch einmal gemeinsam - in lauter vollen Gaststätten.“ So sei es. Andreas Volz

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