Kirchheim

Andreas Schwarz hat gut lachen

Landtag Im Wahlkreis Kirchheim holen die Grünen erneut das Direktmandat. Auch CDU und SPD vertreten Kirchheim weiterhin im Stuttgarter Landtag. Von Andreas Volz

Sie haben Grund zum Jubeln: Andreas Schwarz und Winfried Kretschmann. Archiv-Foto: Roberto Bulgrin

Im Wahlkreis Kirchheim finden sich die landesweiten Trends bestätigt: Die Grünen sind der große Gewinner. Andreas Schwarz verteidigt das Direktmandat und baut seinen Stimmenanteil um 2,6 Prozentpunkte aus. Seine Steigerung fällt sogar höher aus als die der Grünen im Land. Somit kann der aktuelle Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag mit einem Ergebnis von 33,14 Prozent gestärkt in seine dritte Legislaturperiode nach Stuttgart gehen.

Dr. Natalie Pfau-Weller, die in schwierigen Zeiten für die CDU das Erbe von Karl Zimmermann als Kandidatin angetreten hat, schlägt sich achtbar und verliert nur gut zwei Prozentpunkte im Vergleich zu ihrem Vorgänger. Sie lässt also deutlich weniger Federn als die Union im gesamten Land. Ihre 24,41 Prozent reichen, damit sie in den Landtag einziehen kann. Das steht aber erst am Ende einer langen Wahlnacht fest.

Gleiches gilt für Andreas Kenner: Der SPD-Abgeordnete verliert zwar so viel wie seine Partei in Baden-Württemberg – 1,5 Prozentpunkte. Weil er aber schon 2016 über dem Landesdurchschnitt der SPD lag, hat er auch jetzt mit 12,62 Prozent den Mittelwert seiner Genossen übertroffen. Und weil sich die Zahl der SPD-Sitze im Landtag nicht verändert, kann auch er seine Chancen wahren, das Mandat zu halten.

Ebenfalls voll im Trend liegt FDP-Mann Ralph Kittl: Mit 10,33 Prozent der Stimmen steigert er das Ergebnis seiner Partei um 2,1 Prozentpunkte. Er liegt damit nicht nur beim Stimmenplus genau im Mittel, das die Liberalen zwischen Main und Bodensee vorgeben, sondern auch ziemlich genau zwischen den Fernsehhochrechnungen gegen 20 Uhr: Die ARD vermeldet 10,4 Prozent für die FDP, das ZDF 10,3 Prozent.

So genau wie Ralph Kittl hat es kein anderer getroffen – auch Chris­tof Deutscher nicht, der für die AfD im Rennen ist. Allenfalls bei den Verlusten seiner Partei im Land landet er punktgenau im Trend: Mit 9,53 Prozent hat er im Wahlkreis Kirchheim gegenüber 2016 etwa 4,7 Prozentpunkte weniger geholt. Weil die AfD hier aber bereits vor fünf Jahren unter dem Landesdurchschnitt lag, wird sich daran bis 2026 auch nichts ändern.

Stark zurückgegangen ist die Wahlbeteiligung: Lag sie 2016 im Wahlkreis Kirchheim bei 74,45 Prozent, ist sie nun auf 67,34 Prozent gesunken. Gerade noch zwei Drittel aller Wahlberechtigten wollten ihr Recht in Anspruch nehmen. Ob es sich dabei um eine Auswirkung der Corona-Pandemie handelt, dürfte sich erst in fünf Jahren zeigen, sollte dann die Wahlbeteiligung wieder steigen.
Der Trend zur Briefwahl wird sich allerdings kaum mehr umkehren: Von den 27 781 Wahlberechtigten in der Stadt Kirchheim haben sich 8 822 fürs Wahllokal entschieden. 8 964 dagegen haben die Briefwahl vorgezogen.

Große Extreme bei der Briefwahl
Bei der Briefwahl wiederum lassen sich für Kirchheim ähnliche Präferenzen ablesen wie Anfang November bei der US-Präsidentschaftswahl: Andreas Schwarz kommt bei der Briefwahl in Kirchheim auf 39,70 Prozent, in den Wahllokalen dagegen nur auf 30,02 Prozent. Ein ähnliches Bild bei Natalie Pfau-Weller: 22,59 Prozent Briefwahl und 18,91 Prozent Urnenwahl. Umgekehrt sieht es bei Ralph Kittl aus: 8,88 Prozent bei der Briefwahl und 11,29 Prozent in den Wahllokalen. Noch drastischer ist der Unterschied bei Christof Deutscher: Während er bei der Urnenwahl 11,84 Prozent holt, entscheiden sich nur 4,97 Prozent der Briefwähler für ihn. Lediglich bei Andreas Kenner gibt es da keinen nennenswerten Unterschied: Bei ihm halten sich die 15,22 Prozent in den Wahllokalen ziemlich genau die Waage mit seinen 15,06 Prozent bei der Briefwahl.

Die auffälligsten Wahllokale in der Stadt Kirchheim heißen „Schafhof 2“ und „Teck-Realschule 1“. Gleich drei Mal kommt es dort zu extrem hohen und extrem niedrigen Ergebnissen. Andreas Schwarz und Natalie Pfau-Weller holen auf dem Schafhof mit 33,55 und 24,57 Prozent ihre besten Einzelergebnisse in Kirchheim, Christof Deutscher mit 7,69 sein schlechtestes. Genau umgekehrt ist es an der ehemaligen Teck-Realschule. Dort holen Andreas Schw

 

arz und Natalie Pfau-Weller mit 25,43 und 14,74 Prozent ihrer schlechtesten Ergebnisse, während Christof Deutscher mit 19,36 Prozent sein Bestergebnis in der Stadt Kirchheim erzielt.

Bei Andreas Kenner wiederum ist „Teck-Realschule 2“ das Ziel aller Träume: Dort fährt er mit 20,98 Prozent seinen Höchstwert ein, während er in Lindorf nur auf 11,65 Prozent kommt – so niedrig wie sonst nirgends in Kirchheim. Für Ralph Kittl kommt es in der „Freihof-Realschule 1“ mit 15,71 Prozent zum besten Ergebnis, in der Raunerschule dagegen mit 7,91 Prozent zum niedrigsten Wert.

Ergebnisse in den einzelnen Gemeinden

Bissingen beschert der AfD mit 6,96 Prozent und der FDP mit 8,17 Prozent sehr schwache Ergebnisse im Wahlkreis Kirchheim, während die Wahlbeteiligung mit 76,16 Prozent die zweithöchste ist. In Dettingen gibt es keine großen Auffälligkeiten. Grüne und CDU liegen aber leicht über dem Durchschnitt.
Das auffälligste Ergebnis gibt es in Erkenbrechtsweiler: CDU (29,42 Prozent) und AfD (17,24 Prozent) holen dort ihr jeweils bestes Ergebnis im gesamten Wahlkreis – Grüne (25,72 Prozent) und SPD (7,76 Prozent) schneiden jeweils am Schlechtesten ab. Hochdorf dagegen beschert den Grünen mit 36,13 ein Allzeithoch im Wahlkreis.
Holzmaden besticht bei der Landtagswahl mit der höchsten Wahlbeteiligung: 80,25 Prozent. Das kann auch an der Bürgermeis­terwahl gelegen haben – obwohl sich daran nur 75,2 Prozent beteiligt haben. In Kirchheim liegt die Beteiligung bei 64,03 Prozent. Niedrigere Werte gibt es nur in Wendlingen, Wernau und Plochingen. In Kirchheim zeigen sich aber auch andere Extreme: Als Lokalmatador holt Stadtrat Andreas Kenner hier mit 15,14 Prozent sein bestes Ergebnis für die SPD, während seine Ratskollegin Natalie Pfau-Weller mit 20,77 Prozent ausgerechnet in ihrer Heimatstadt das schlechteste Ergebnis für die CDU einfährt.
Wenig Auffälligkeiten in Lenningen. Dafür aber liegt in Neidlingen die CDU mit 29,31 Prozent nur ganz knapp hinter den Grünen (30,55 Prozent). Auch in Notzingen liegt dieser Abstand bei weniger als drei Prozentpunkten. Ohmden liegt fast überall im Wahlkreisschnitt – außer dass die AfD etwas besser abschneidet. Owen dagegen beschert der AfD mit 6,22 Prozent das schlechteste Ergebnis im Wahlkreis, während Weilheim ein ziemlich genaues Abbild des Wahlkreises darstellt. vol

 

 

Kommentar: Das Zugpferd hat‘s gerissen

Zum Glück hat auch Rheinland-Pfalz gewählt: Der Blick ins Nachbarland zeigt, dass der Höhenflug der Grünen ein Phänomen darstellt, das es so nur bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg gibt. Auf der anderen Seite des Rheins erreichen die Grünen noch nicht einmal ein zweistelliges Ergebnis, während sich in der einstigen CDU-Hochburg im Südwesten der Republik fast ein Drittel aller Wähler für die Partei Winfried Kretschmanns entschieden haben.
Die Landtagswahl war eine Persönlichkeitswahl. Der ungemein populäre Ministerpräsident ist das Zugpferd der Grünen. Von Wahl zu Wahl schafft es Winfried Kretschmann, seine Partei in ungeahnte Höhen zu führen. Aus diesem Grund hat er sich auch für eine dritte Amtszeit zur Verfügung gestellt und sich noch einmal vor den Karren gespannt. Dass er sich von anderen vor den Karren spannen lassen würde, ist für einen wie ihn undenkbar.
Die große Frage, die sich im Lauf der Legislaturperiode stellen wird, ist die Nachfolgefrage. In den Medien wird bereits wild spekuliert – wie wenn es um den Posten eines Fußballtrainers gehen würde. Eine der hochgehandelten Personen ist der Fraktionsvorsitzende der Grünen, der Kirchheimer Abgeordnete Andreas Schwarz. Es ist nicht auszuschließen, dass die Kirchheimer in fünf Jahren den Spitzenkandidaten der Grünen wählen können. Ob sie dann auch tatsächlich den Ministerpräsidenten in den Landtag wählen, muss sich erst noch zeigen: Es wird für keinen der möglichen Nachfolger leicht werden, aus dem Schatten von Winfried Kretschmann zu treten. Andreas Volz
 

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