Kirchheim

Arbeitskräfte wieder stärker gefragt, Arbeitslosigkeit sinkt

Konjunktur Die Göppinger Agentur für Arbeit vermeldet eine Erholung des Arbeitsmarkts. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen: Ab 31. März fallen die Sonderhilfen für Firmen mit Mitarbeitern in Kurzarbeit weg.  Von Thomas Zapp

Nach Corona verschieben viele junge Leute den Start ins Berufsleben, gehen lieber noch zur Schule. Karin Käppel setzt auf die Jobmessen, die bald wieder stattfinden sollen. Foto: Markus Brändli

Das Wort „positiv“ hat in Zeiten von Corona-Tests in allen Lebensbereichen einiges von seinem Charme verloren. Karin Käppel scheut sich aber nicht, es in ihrer Jahresbilanz häufig zu verwenden. Denn die Leiterin der Göppinger Agentur für Arbeit, zu deren Einzugsbereich auch der Landkreis Esslingen gehört, ist spürbar erleichtert, dass es eine „positive Entwicklung“ auf dem Arbeitsmarkt gibt. Für 2021 meldet die Agentur im Vergleich zu 2020 für die Landkreise Esslingen und Göppingen 4,6 Prozent weniger Arbeitslose, oder in absoluten Zahlen: Die Zahl der Erwerbslosen ist von 19 406 auf 18 511 gesunken, was einer aktuellen Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent entspricht. Neben der Zeitarbeit sorgen das Baugewerbe sowie der Heim- und Gesundheitssektor für neue Arbeitsplätze.

Doch dass der Arbeitsmarkt sich noch während der Pandemie so deutlich erholen konnte, hat eine weitere Ursache,  und die hat ihren Preis: Die Arbeitsagentur hat mit massiven Hilfsmaßnahmen beim Kurzarbeitergeld dagegen gesteuert. Mit dem Instrument der „krisenhaften Ausgestaltung des Kurzarbeitergeldes“ hat die Agentur für Arbeit den Betrieben 100 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge erstattet. Auch das hat zu historisch  hohen Kurzarbeiterzahlen geführt. Zwar waren es nicht me hr bis zu 75 600 wie im Mai 2020, aber mit mehr als 20 600 im vergangenen Juni liegen die Zahlen immer noch sehr hoch. Ein Vergleich macht die Dimensionen deutlich: In „normalen“ Jahren haben in d en Kreisen Göppingen und Esslingen im Schnitt 24 Betriebe pro Jahr Kurzarbeit angemeldet, im Juni 2021 waren es 2644.

Bund muss zuschießen

Was das in Zahlen bedeutet, erklärt die operative Geschäftsführerin und stellvertretende Leiterin Bettina Münz. Satte 531 Millionen Euro hat die Arbeitsagentur im Bezirk Göppingen ausgegeben. In diesen Größenordnungen können die Kosten nicht mehr aus Eigenmitteln gedeckt werden, da muss der Bund zuschießen. Doch bei der Unterstützung der Kurzarbeitergelder fährt man bereits zurück: Seit dem 1. Januar erstattet die Arbeitsagentur den Betrieben nur noch 50 Prozent der Sozialversicherungsbeiträge, ab dem 31. März dann nichts mehr. Das könnte Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben, das hält auch Karin Käppel für möglich. 

Die Leiterin bleibt aber weiter „positiv“ im herkömmlichen Sinne: Sie setzt auf eine weitere Erholung des Arbeitsmarkts, was natürlich auch eine Verbesserung der Corona-Lage voraussetzt, vor allem für die gebeutelten Hotel- und Gaststättenbetriebe. Bettina Münz assistiert mit guten Zahlen: Die Nachfrage nach Arbeitskräften zieht an, im Vergleich zu 2020 im Jahresmittel um 19,7 Prozent auf knapp 7400. Eine Kurve zeigt: Der Weg geht Richtung des Arbeitskräftebedarfs aus dem Jahr 2015, bleibt aber deutlich unter dem Spitzenwert von 2018 mit 11 800 Anfragen. Dennoch: „Aus dem Tief des Corona-Jahres haben wir uns herausbewegt“, sagt Bettina Münz.

Mehr über Ausbildung informieren

Dennoch bleiben Baustellen, die schon vor der Corona-Krise offen lagen: Der Strukturwandel in der Metall- und Elektroindustrie, wo die Beschäftigungszahlen eher sinken, die „Dekarbonisierung“ der Industrie und mehr als 50 Prozent ohne Ausbildung unter den Menschen ohne Arbeit. Qualifizierung bleibt der Schlüssel. „Dazu sollten Unternehmen auch die Kurzarbeit nutzen“, sagt die Göppinger AA-Leiterin. Und auch an den Schulen wolle man wieder verstärkt für Ausbildungen werben, denn in der Corona-Zeit zögern viele junge Leute den Start ins Berufsleben hinaus, gehen lieber weiter zur Schule. 

Das Ziel der Agentur für Arbeit: Man will den Jugendlichen wieder mehr Orientierung geben. „Man merkt, dass die Berufsmessen gefehlt haben“, sagt Karin Käppel. Aber auch da setzt sie auf Erleichterungen. Schließlich will die im September 2020 ins Amt gestartete Leiterin der Göppinger Arbeitsagentur auch Anfang 2023 mit „positiven“ Zahlen glänzen: im klassischen Sinne.

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