Kirchheim

„Argus“-Augen wachen über die Cyber Security

Eine Kooperation zwischen Kirchheim und Tel Aviv will die vernetzte Zukunft des Straßenverkehrs sicherstellen

Die Zukunft des Automobils ist digital, und in der digitalen Welt drohen neue Gefahren. In Kirchheim wird daran gearbeitet, diesen Gefahren zu begegnen.

Michael Müller (links im Bild) stellte bereits im vergangenen September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfu
Michael Müller (links im Bild) stellte bereits im vergangenen September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt Konzepte zur „Cyber Security“ vor. Der Kirchheimer vertritt das israelische Startup-Unternehmen „Argus“ in Europa.Foto: pr

Kirchheim. Die Mobilität bringt in Zukunft den Segen, dass Fahrzeuge zunehmend digital gesteuert und miteinander vernetzt werden. Das erhöht nicht nur die Sicherheit auf den Straßen, es kann auch den Verkehrsfluss steuern und helfen, Staus zu vermeiden. Der Fluch an der Sache: Der Straßenverkehr wird anfällig für Kriminelle, die sich in die Systeme hacken, um – aus welchem Grund auch immer – ein Chaos anzurichten. Die denkbaren Katastrophenszenarien sind furchterregend. Deshalb müssen sich die Entwickler der neuen Technologie schon im Vorfeld Gedanken um die Sicherheit machen.

Cyber Security, also die Sicherheit von Computern oder auch die Sicherheit im Internet, ist schon lange ein Thema. Immer wieder wird vor Viren, Trojanern und Spionagesoftware gewarnt, und damit auch vor Abzockern, Betrügern und Erpressern, die Systeme ausforschen oder zum Einstürzen bringen. Es ist ein ständiger Wettlauf, eine Art des wechselseitigen virtuellen Hochrüstens. Die einen entwickeln schädliche Software, die anderen suchen nach Möglichkeiten, Computer und Netzwerke gegen diese Angriffe zu schützen.

Dr. Michael Müller aus Kirchheim, der sich als Geschäftsführer von „magility“ der „technologieorientierten Unternehmensberatung für die Mobilitätsindustrie“ verschrieben hat, gehört zu denen, die auch schon an den Straßenverkehr denken: „Augen­blicklich gibt es weltweit etwa eine Milliarde Kraftfahrzeuge. Bis 2030 wird sich diese Zahl auf 1,4 Milliarden erhöhen, also um 40 Prozent.“ Exorbitant werde die Steigerung aber erst bei den vernetzten Fahrzeugen: „Das sind jetzt ungefähr 30 Millionen. Bis 2030 steigt diese Zahl auf 1,2 bis 1,3 Milliarden.“ Schon irgendwann zwischen 2020 und 2025 dürfte es kein Neufahrzeug mehr geben, das nicht vernetzt ist, also keinen Teil des „Internets der Dinge“ darstellt.

„Mit der Zahl der vernetzten Fahrzeuge steigt die Bedrohung durch Cyber-Security-Probleme. Das heißt, wir haben noch rund zehn Jahre, in denen wir sehen müssen, wie wir mit diesem Thema umgehen.“ Das große Problem bestehe darin, dass professionelle Hacker und Kriminelle nicht nur Einzelfahrzeuge angreifen, sondern ganze Fahrzeugflotten, also alle Fahrzeuge bestimmter Hersteller, Vermieter oder Spediteure. „Diese Fahrzeugflotten müssen unbedingt geschützt werden“, meint Michael Müller. Aber wie kann das gelingen?

Die Antwort kommt aus Israel, genauer gesagt aus Tel Aviv. Dort sitzt das Startup-Unternehmen „Argus“. Die Anlehnung des Namens an den Riesen aus der griechischen Mythologie, der rundum alles sieht und dessen hundert Augen niemals allesamt zur gleichen Zeit ruhen, ist kein Zufall. So ähnlich soll auch das Unternehmen agieren und rund um die Uhr auf der ganzen Welt die Sicherheit von Fahrzeugflotten überwachen und garantieren. Etwa 50 Cyber-Security-Experten entwickeln Software, um Fahrzeuge an den Stellen zu schützen, an denen sie vernetzt sind: mit anderen Autos, mit Verkehrsschildern, mit Gebäuden wie etwa Parkhäusern oder auch mit Servern, die Daten zum Wetter, zur Verkehrslage oder zur Navigation liefern. Auch die Elektronik innerhalb des Fahrzeugs ist vor Angriffen von außen zu schützen, ebenso wie die „ECUs“, die „electronic control units“.

Das hat über die ganze „Lebensspanne“ des Fahrzeugs zu geschehen, was den Markt grundlegend verändern dürfte. Michael Müller: „Früher hat ein Automobilhersteller ein Fahrzeug verkauft und dazu noch Ersatzteile zur Verfügung gestellt. Künftig muss sich der Hersteller um Updates kümmern, bis das Auto verschrottet wird.“ Und selbst dann ist noch nicht Schluss: „Beim Verschrotten ist sicherzustellen, dass auch die Daten aus dem Auto vernichtet werden.“

Die Fachkompetenz dafür liege in Israel, die Marktkompetenz „bei uns in Deutschland“: Michael Müller leitet über „magility“ in Kirchheim das Europäische Büro für „Argus Cyber Security“ aus Tel Aviv. Fach- wie Marktkompetenz haben bereits eine Art „Ritterschlag“ erfahren: „Argus“ wurde als eines von 13 Unternehmen „zur Teilnahme an Startup Autobahn ausgewählt – einem Gemeinschaftsprojekt der Daimler AG, Plug & Play, der Universität Stuttgart und ARENA 2036“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. 300 Firmen hatten sich bei „Startup Autobahn“ beworben. Gesucht sind dabei die innovativsten „Hard-Tech-Startups, die an der Schnittstelle von Hardware und Software smarte Lösungen zu Mobilität entwickeln“. Smart genug sind sie also in Kirchheim und Tel Aviv, um mit im Zug zu sitzen, der in Richtung Zukunft fährt. Bleibt zu hoffen, dass sie auch dauerhaft smarter sind als ihre Gegner im „Cyber-Krieg“.

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