Kirchheim

Auch ohne neue Funde genug Diskussionsstoff

Vortrag 2016 war für die Kirchheimer Archäologie ein Ausnahmejahr: Es gab keine aktuellen Grabungen.

Kirchheim. „2016 ist das erste Jahr in der über 30-jährigen Geschichte der Kirchheimer Archäologie-AG ohne eine Grabung in Kirchheim.“ sagte Rainer Laskowski zu Beginn seines Vortrags im Spitalkeller der Volkshochschule. Er konnte also keine spektakulären neuen Funde präsentieren. Ein schockiertes Raunen des Publikums blieb jedoch aus. Wer den Archäologen und ehemaligen Museumsleiter bei seinem Jahresvortrag im Kirchheimer Spitalkeller kennt, weiß, dass trotzdem keine Langeweile aufkommen würde.

Den Auftakt bildete ein Kurzbericht über Grabung in Bissingen bei der Hinteren Straße, wo vom Landesamt für Denkmalpflege Esslingen umfangreiche Siedlungsspuren aus dem 6. bis 12. Jahrhundert freigelegt wurden. Überraschend: der Fund eines alamannischen Kriegergrabes mit vollständiger Waffenausrüstung. Außerdem ein Goldblattkreuz als Hinweis auf frühes Christentum, so wie es bereits aus dem Alamannenfriedhof im Rauner in Kirchheim bekannt ist. Aus der weiteren Umgebung des Kriegergrabes sind auch vereinzelt weitere, allerdings nur einfacher ausgestattete Gräber bekannt. Dort besteht weiterer Forschungsbedarf.

Dazu tragen auch Hohlwegspuren bei, die im Bissinger Tal östlich des Ortes auf Fotografien mit Schräglicht deutlich erkennbar sind. Hierbei handelt es sich um Reste von Wegen, die sich durch jahrhundertelange Nutzung mit Fuhrwerken und Vieh in das Gelände eingeschnitten haben. „Damals konnte jeder durchs Gelände fahren, wie er es für notwendig und richtig hielt“. Die erkennbar große Anzahl der Hohlwege lässt darauf schließen, dass Bissingen an einer wichtigen Wegeverbindung auf die Alb über die sogenannte „Raubersteige“ gelegen habe. Laskowski: „Ohne Kenntnis dieser Wege lassen sich weder die Bedeutung der Orte noch die der hier befindlichen Burganlagen richtig einschätzen“.

Die Route vom Neckar über Kirchheim, Nabern und Bissingen zum Sattelbogen und Raubersteige zum Schopflocher Torfmoor und weiter nach Donnstetten hält Laskowski angesichts des moderaten Anstieges für einen der wichtigsten und bedeutendsten Alb­aufstiege. Auch die Überlegung, dass bereits zu keltischer Zeit der Teckberg von eminenter Bedeutung war, ließ Laskowski nicht unerwähnt. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus, zur Blütezeit der Kelten, war auf dem Teckberg auch eines ihrer Machtzentren. Darauf weist nicht zuletzt auch das am Hegelesberg 2015 neu gefundene Grab einer keltischen Adeligen Frau hin.

Laskowski brachte in seinem Vortrag auch Kritisches zur Sprache, wie etwa der inzwischen vierte gezwungene Umzug des Museumsmagazins, der ihm und der Kirchheimer Archäologie-AG immens viel Zeit und Aufwand abverlangt hat - ohne dass für die Archäologie endlich eine ausreichend befriedigende Lösung verwirklicht werden konnte. Weiterhin gebe es nur eine dezentrale Lagerung der Funde zur Kirchheimer Geschichte. Auch der Bau eines Freizeitdomizils direkt auf dem wichtigen historischen Burghügel „Schlossberg“ in Dettingen, errichtet wohl ohne Rücksicht auf mögliche Verluste archäologischer und historischer Substanz, wirft für ihn Fragen auf.sd

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