Kirchheim

Auf in die Zukunft – mit Technik, Talent und Toleranz

Mitgestaltung Beim Zukunftsdialog in der Kirchheimer Stadthalle kann sich die Bürgerschaft einbringen – in regem Austausch mit Verwaltung und Gemeinderat. Von Andreas Volz

Die Teilnehmer des Zukunftsdialoges in der Kirchheimer Stadthalle tauschen sich intensiv aus.Fotos: Michael Schmitt
Die Teilnehmer des Zukunftsdialoges in der Kirchheimer Stadthalle tauschen sich intensiv aus.Fotos: Michael Schmitt

Aktiv einbringen konnten sich die Kirchheimer beim Zukunftsdialog in der Stadthalle. Gleich zu Beginn hatte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die passende Devise ausgegeben: „Wir wollen nicht passiv darauf warten, was auf uns zukommt und wie wir leben werden, sondern selbst gestalten, wie wir leben wollen.“

Dass der Zukunftsdialog, den Stadtverwaltung und Gemeinderat gemeinsam mit der Bürgerschaft führen, auch tatsächlich etwas bewirken kann, stellte die Oberbürgermeisterin gleich unter Beweis: „Oberste Priorität hat jetzt nicht mehr die Bildung, sondern das Wohnen.“ Damit sei eine Forderung aus dem Zukunftsdialog aufgenommen worden. Bürger könnten also durchaus mitbestimmen.

Jedoch lässt sich nicht alles mitbestimmen. Es geht auch darum, sich an Entwicklungen anzupassen. Wenn Kirchheims „Zukunftsmacher“ Dr. Winfried Kösters von den „drei T’s der Zukunft“ spricht, zeigt vor allem das erste „T“ – die Technik –, wie wenig grundsätzlicher Gestaltungsspielraum gegeben ist. Von der Dampfmaschine bis zur Elektrifizierung habe es etwa hundert Jahre gedauert. Fast noch einmal so lange dauerte es bis zur Automatisierung. Die Digitalisierung wiederum sei wesentlich schneller gefolgt. Die Beschleunigung nimmt also noch weiter zu.

Heute sei noch völlig undenkbar, was in Zukunft vielleicht ein gewohntes Bild ist: „Ein Polizist und ein Roboter gehen gemeinsam auf Streife.“ Ebenso werden in Zukunft Roboter Aufgaben von Pflegekräften übernehmen. Aber, so Winfried Kösters: „Wir müssen in der Lage sein, die Technik zu beherrschen.“

Das zweite „T“ der Zukunft ist das Talent: „Jeder hat Talent, keiner wird dumm geboren.“ Die Frage sei aber nicht, was ein 67-jähriger Dachdecker noch auf dem Dach machen soll. Vielmehr gehe es darum, was ein 17-jähriger Dachdeckerlehrling mit 67 noch arbeitet. Gerade auf die Talente der Älteren sowie auf ihre Erfahrung komme es in Zukunft an: „Jüngere können wohl schneller rennen, aber Ältere kennen vielleicht eine Abkürzung.“ Um auf diese Talente später zurückgreifen zu können, gelte es, das Talent jedes Einzelnen von Jugend auf zu fördern.

Außer Technik und Talent werde in Zukunft auch die Toleranz immer wichtiger: „Fast jeder ist anders als andere. Jeder hat eine andere Geschichte und andere Macken. Kulturelle Unterschiede kommen dann noch hinzu.“ Ein Blick auf die Liste der geburtenstärksten Länder, die allesamt in Afrika liegen, zeigt für Winfried Kösters deutlich auf: „Wenn diese Menschen in ihrer Heimat keine Perspektive haben, und wenn wir nicht für eine solche Perspektive sorgen, dann werden diese Menschen wandern.“ Gerade Letzteres dient ihm dazu, folgendes Fazit zu ziehen: „Entwicklungen fallen nicht vom Himmel. Sie sind absehbar – und gestaltbar.“

Das gilt auch für Kirchheim. Bevor es an die aktuelle Arbeit ging, zeigte die Oberbürgermeisterin noch einmal auf, was der Zukunftsdialog bislang bereits bewirkt hat: „Aus der Forderung nach einem Konzept für Willkommenskultur ist unser Integrationskonzept entstanden.“ Unter dem Stichwort „scho engagiert“ lasse sich ein Katalog ehrenamtlicher Angebote finden, sodass sich jeder in Kirchheim einbringen könne. Die ÖPNV-Tarife könne die Stadt nicht günstiger gestalten, das sei Sache des VVS. Aber immerhin gebe es jetzt die Kurzstrecke: drei Haltestellen für 1,20 Euro. Das Begleitmobil biete älteren Menschen nicht nur eine Fahrgelegenheit, sondern auch gleich noch eine Begleitung, etwa für Arztbesuche. Und auch für junge Menschen sei etwas entstanden: die Gruppe „Ganz“, die mit ihrer Schenkscheune bestehende Agenda-Gruppen ergänzt.

Das Wohnen stelle die gesamte Region Stuttgart vor große He­rausforderungen. In Kirchheim seien nun viele Bebauungspläne auf den Weg gebracht, sodass in den nächsten zwei bis drei Jahren viel neuer Wohnraum geschaffen werde.

Gerade dieses Wohnen war beim aktuellen Prozess in der Stadthalle das Thema, das die Anwesenden als das wichtigste einstuften. In mehreren Bewegungs- und Gesprächsrunden bekam am Ende der Wunsch nach kooperativen Konzepten für preiswertes und generationenübergreifendes Wohnen die meisten „roten Punkte“. Zum Wohnen in Quartieren gehört auch der Punkt, noch mehr Begegnungsstätten zu schaffen.

Ganz anders gelagert waren drei weitere Punkte: das Bekanntmachen von ehrenamtlichen Angeboten und die generelle Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit, der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen sowie die nachhaltige Unterstützung für Start-ups, also die Förderung von Gründergeist.

Angelika Matt-Heidecker freute sich abschließend über die große Vielfalt der Themen und versprach, dass sich der Gemeinderat in seiner Klausurtagung im Frühjahr intensiv damit beschäftigen werde. Denn auch wenn die Bürgerschaft im Zukunftsdialog mitbestimmen könne, liege die letztgültige Entscheidungshoheit immer noch beim Gemeinderat: „So ist das in unserer repräsentativen Demokratie.“

Künftig soll es diesen Zukunftsdialog jeden Herbst geben. Wer weiß, ob dann noch ein letzter Punkt umgesetzt wird, den Winfried Kösters angesprochen hat: Wenn die Kirchheimer eine eigene Hymne hätten, könnten sie diese zum Abschluss gemeinsam singen.

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