Kirchheim

Auferstanden nach dem Stadtbrand

Die Häuser am westlichen Ende des Kirchheimer Marktplatzes und ihre Geschichte

Einen besonderen Blickfang der Fachwerkstatt Kirchheim hat der Marktplatz in Richtung Kornstraße zu bieten.Foto: Markus Brändli
Einen besonderen Blickfang der Fachwerkstatt Kirchheim hat der Marktplatz in Richtung Kornstraße zu bieten.Foto: Markus Brändli

Kirchheim. Der Blick auf den westlichen Marktplatz in Kirchheim bietet vier, fünf Fachwerkhäuser von

besonderer Schönheit. Alle Gebäude wurden in den Jahren nach dem „Großen Stadtbrand“ von 1690 erbaut. Sie stellen einen wichtigen Bestandteil der Stadtgeschichte dar.

Der Name „Adelberger Pfleghof“ – Marktplatz 5 (Spielwarenladen) – geht auf einen Vorgängerbau zurück, der im 15. Jahrhundert wohl der Adelberger Pflege gehörte, seit dem 16. Jahrhundert aber in privater Hand lag. Nach dem Stadtbrand baute der Geistliche Verwalter Georg Reinhold Urlsperger für sich privat dieses Haus. Da er sich übernommen hatte, verkaufte er es 1702 an seinen Dienstherrn als Amtshaus der Geistlichen Verwaltung. Anfang des 19. Jahrhunderts zog das Oberamtsgericht ein, auch war das Haus um ein drittes Stockwerk erhöht worden. Nach dem Neubau des Amtsgerichts 1870 wurde das Gebäude an den Kupferschmied Carl Wilhelm Beuerlen verkauft. Von dessen Witwe übernahm es 1884 der Kaufmann Gottlieb Ferber.

Über eine kleine Gasse hinweg befindet sich daneben das Haus Marktplatz 7, das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gastwirtschaften beherbergt. Für viele noch als „Villa Nova“ bekannt, wirkte dort um 1875 Carl Metzger als Schwanenwirt. 1823 besaß der Zimmermann Jakob Friedrich Schimming das Haus, ein Spross der Kirchheimer Zimmermanns- und späteren Ziegeleibesitzer-Familie. Sein Großvater, Michael Schimming, gilt als maßgeblicher Erbauer des Kirchheimer Rathauses (1722 – 1724). Der gleichnamige Sohn, Ratsherr und Zimmermann besaß das Gebäude 1788.

1715 wird der Ratsherr Johannes Hechtlen als Besitzer dieses zweistöckigen Hauses – zwischen der „neuen Gasse und der Wüstin“ gelegen – genannt. Erst nach 1690 wurde der Marktplatz mit dieser Gasse zur Stadtmauer hin geöffnet. Noch lange nach 1690 wurde die Gegend dort als „Wüstin“ bezeichnet, da der Aufbau nur schleppend voranging. Erbaut hat dieses Haus Marktplatz 7 vermutlich Christoph Laittenberger, Angehöriger der damaligen Kirchheimer Bürgermeister- und Dekansfamilie, der es noch 1705 nachweislich besaß.

Auf der anderen Seite der neuen Gasse war um 1699 das einstöckige Gebäude des heutigen Gasthauses „Waldhorn“ entstanden, mit einem „gewölbten Keller und einem dergleichen Beikellerlin hinter dem Rathaus“; gemeint ist damit das abgebrannte alte Rathaus auf dem Marktplatz, das nie wieder aufgebaut wurde. Außerdem befindet sich unter dem Waldhorn ein verfüllter Keller, der weit unter die heutige Marktplatz-Gasse Richtung Alleenstraße reicht und auch archäologisch von der einstigen geschlossenen Bebauung vor dem Stadtbrand zeugt. Westlich schloss sich das Viehhaus des Spitals an. Als Besitzer und vermutlich auch Erbauer werden der Glaser Hans Jerg Seubert und der Gürtler Michael Lang genannt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts blieb das Gebäude in den Händen von Handwerkern: 1788 Schuster Johannes Deuschle und Schneider Thomas Hafenbrack, 1823 neben Deuschle der Schuster Johannes Schott. 1875 kommt mit dem Metzger Friedrich Hafenbrack wieder die ehemalige Familie ins Spiel, und spätestens mit seinem Sohn begann die Gastwirtschaft. 1895 wird der Metzger und Wirt Herrmann Hafenbrack genannt. Ihm folgte 1909 Karl Hafenbrack als „Wirt zum Waldhorn“. 1927 beginnt mit Karl Hack als Metzger und Wirt des Waldhorns eine neue Dynastie. 1953 wird im Adressbuch seine Witwe Marie und 1962 bis 1971 der gleichnamige Sohn Karl genannt. Danach übernahm der Schwager Peter Öchsle das Gasthaus, 2005 dessen Sohn Frank-Peter. 2015 wurde es an Robert Ruthenberg verkauft.

Der heute zum Waldhorn gehörende Hotelbau entstand etwas später und wird erst 1715 genannt als „ein zweistöckiges Haus samt einem gewölbten Keller und einem kleinen Hof­stättle (hinter dem Haus) zwischen dem Spital“ (= Wirtschaftshaus des Spitals, Kornstraße 4) „und Hans Jerg Seubert, Glaser“. 1788 gehörte es dem Barbier Karl Kreyser. 1823 und 1875 wird der Seifensieder Gottlieb Beuerlen und 1895 die Witwe des Seifensieders Wilhelm Buck genannt. Im 20. Jahrhundert befand sich zeitweise die Volksbank darin, später wurde es zum Hotel umgebaut.

Schließlich der stattliche Fachwerkbau Marktplatz 4 – vor 1690 noch ein Kornhaus. Danach blieb das Grundstück lange unbebaut. Lediglich eine Holzhütte befand sich über dem Keller, den die herzogliche Kellerei nutzte. 1746 kaufte Klosterküfer Johannes Mayer das Grundstück von der herzoglichen Verwaltung und bebaute es mit einem „schönen zweistöckigen Haus“ über dem „gewölbten Keller“. 1823 besaßen es der Kaufmann Karl Stoll, 1875 der Privatier Wilhelm Müller und 1895 der Bäcker Johannes Heinzelmann.

Es wäre schade, wenn dieses Fachwerkensemble durch Abriss des Waldhorns verändert würde. Zu Recht hat die Stadt gerade das Waldhorn mit seinem gemütlichen niederen Kubus als Blickfang der Fachwerkstadt auf ihrer Internet-Startseite abgebildet.

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