Kirchheim

Bauern fürchten Eisheilige

Ernte Minusgrade und Nachtfrost machten den Landwirten im April zu schaffen. Jetzt ziehen sie Bilanz: Was ist hinüber und was ist noch zu retten? Von Melissa Seitz

Der Frost hat den Kirschen nicht gut getan: Die Blüten sind schwarz und die Früchte verdorben.Foto: Jean-Luc Jacques
Der Frost hat den Kirschen nicht gut getan: Die Blüten sind schwarz und die Früchte verdorben.Foto: Jean-Luc Jacques

Der April macht ja bekanntlich gerne, was er will. So auch dieses Mal. Zu schön hat alles angefangen: Am Anfang zeigte sich der April mit 25 Grad noch von seiner sommerlichen Seite. In der Nacht zum 20. April lagen die Temperaturen dann unter dem Gefrierpunkt. Der Frühlingsmonat bleibt seinem Ruf also treu - zum Entsetzen der Bauern und Winzer. Sie haben mit starken Frostschäden zu kämpfen. Für das Land ist klar: Das ist eine Naturkatastrophe.

Vor allem die Obstbauern zittern um ihre Erträge. „Wir können es noch gar nicht richtig fassen“, sagt Heinz Gienger vom Obst- und Gartenbauverein Hepsisau. 20 Prozent der Kirschen könne man noch retten, der Rest sei hinüber. „Auch bei den Äpfel sieht es nicht anders aus“, sagt der Experte, „viele sind erfroren und matschig.“

„Die Blühphase war einfach viel zu früh“, beklagt der Vorsitzende des Vereins. Das Frühjahr war viel zu mild, sodass die Bäume zwei Wochen früher als sonst zu blühen angefangen haben. Hoffnung gibt es aber bei den Spätblühern. Hier heißt es abwarten und Tee trinken.

Von einem Millionen-Schaden spricht Ursula Kerner vom gleichnamigen Obstbau- und Destilleriebetrieb in Dettingen. „Ich vermute, dass 90 Prozent des Steinobstes auf meinen Streuobstwiesen kaputt sind“, erzählt sie. Auch viele ihrer Äpfel und Trauben seinen in den Knospen erfroren. Besonders schwer werde wahrscheinlich der Verkauf von Bio-Äpfel in diesem Jahr. Ursula Kerner erklärt: „ Die haben dann bestimmt Frostspuren. Unsere Kunden sehen das nicht gerne.“ Hier muss neben Qualität auch die Optik überzeugen - aber beides wird zu wünschen übrig lassen. „Ich erwarte keine allzu hohe Qualität“, gibt die Dettingerin zu.

Weinreben ebenfalls erfroren

Auch bei den Winzern sieht die Ernteprognose nicht wirklich rosig aus. „Um den Lemberger steht es schlecht“, gibt Christine Anhut zu, Geschäftsführerin der Weingärtnergenossenschaft Hohenneuffen-Teck. Er hat sehr früh ausgetrieben und ist bei Temperaturen bis zu minus sechs Grad erfroren. Zuversichtlich ist sie hingegen bei der Weißweinsorte Silvaner. Bei diesen Reben sind die Knospen nämlich noch geschlossen. Trotzdem vermutet die Geschäftsführerin, dass circa 50 Prozent der Weinreben keinen Ertrag bringen werden. „Wir müssen einfach abwarten“, sagt die Geschäftsführerin und fügt hinzu: „Außerdem stehen ab Donnerstag die Eisheiligen an.“

Renate Kächele vom Biolandhofladen Kächele in Unterlenningen hat mit dem frostigen Wetter gerechnet. Sie vertraute auf eine alte Bauernregel: „Wenn es Anfang April gewittert und blitzt, dann ist die Kälte nicht mehr weit.“ Trotz dieser Vorahnung konnten sie und ihr Mann nichts gegen den Frost machen. Ihre Äpfel und Kirschen sind nicht von den Minusgraden verschont geblieben. Besonders schlimm hat es aber die Kartoffeln getroffen. „Wir haben einen Vlies darübergelegt, aber das hat nichts gebracht“, erzählt die Lenningerin. Obwohl dieser April die Bauern besonders hart auf die Probe gestellt hat, sagt sie: „Wir haben immer mit dem Wetter zu kämpfen. Einmal ist es der Hagel, dann der Frost und letztes Jahr war es zum Beispiel der Regen.“

Eisheiligen sollen weiterziehen

Auch die Erdbeerernte steht durch den Frost unter keinem guten Stern. Uli Münsinger vom Brunnenhof in Holzmaden hatte einen Teil seiner Erdbeeren geschützt. „Die Stauden, die mit Vlies bedeckt waren, sind nur zu zehn Prozent beschädigt.“ Die ungeschützten Erdbeeren hingegen seien zur Hälfte kaputt. Er hat so etwas noch nie erlebt. Aber ihm ist klar: „Gegen die Natur kann man nichts machen.“ Präventivmaßnahmen wie Hubschrauber, Regenanlagen und Frost-Fackeln sind für ihn nur Tropfen auf dem heißen Stein. Das Einzige, was der Ernte noch helfen würde, ist warmes Wetter. „Und die Eisheiligen“, sagt Uli Münsinger, „können gerne weiterziehen. Die brauchen wir nicht.“

Was ist, wenn die Eisheiligen sich doch blicken lassen? „Es gibt eine Möglichkeit, die Ernte vor der Kälte zu retten“, sagt Siegfried Nägele vom Kreisbauernverband Esslingen: „Durch das Beregnen der Wiesen bildet sich auf den Bäumen eine Eisschicht.“ Diese Schicht soll die Blüten vor Frost und Minustemperaturen schützen.

Das Land will den Bauern mit einem Hilfspaket unter die Arme greifen. Bis es soweit ist, muss erst einmal die Ernte abgewartet werden. Dann kann die Schadenhöhe berechnet werden. Doch schon jetzt wird deutlich: Die Ernte in diesem Jahr wird mager ausfallen.

Übergabe des ersten Bewilligungsbescheids der Förderung "Baumschnitt Streuobst" durch den Minister für Ländlichen Raum, Alexande
Übergabe des ersten Bewilligungsbescheids der Förderung "Baumschnitt Streuobst" durch den Minister für Ländlichen Raum, Alexander Bonde (links, zuhörend) - Albrecht Schützinger, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Esslingen (mit bewegten Händen) erklärt ihm Grundlagen und Methoden des Baumschnitts - zwischen beiden steht mit verschränkten Händen Sieghard Friz, Bürgermeister von Unterensingen

Das sagt Albrecht Schützinger zum frostigen April

„Für die Bauern ist die Situation eine richtige Herausforderung“, sagt Albert Schützinger von der Obst- und Gartenbauberatung des Landkreises. Trotzdem rät der Experte, fürs nächste Jahr vorzusorgen: „Die Bauern sollen ihre Bäume pflegen, sie düngen, schneiden und alles, was noch dazugehört.“ Auch wenn es dieses Jahr kaum oder gar keine Erträge geben wird, sollte man auf diese Arbeiten nicht verzichten.

Maßnahmen, die die Wiesen vor Frost schützen sollen, bringen laut Albrecht Schützinger kaum etwas. „Frost-Fackeln brennen zum Beispiel nur für zehn Stunden. Der Frost vom 19. auf den 20. April dauerte aber zwölf Stunden“, erklärt der Experte. Außerdem können die Fackeln die Temperatur nur um ein bis zwei Grad anheben - zu wenig bei minus sechs Grad.

Hubschrauber, die die warme Luft zum Beispiel bei Weinreben nach unten befördern, haben oft das genaue Gegenteil bewirkt. „Anstatt warme Luft haben sie die eiskalte Luft an die Bäume herangeweht und noch einen größeren Schaden angerichtet“, erzählt er.

Das Einzige, was gegen Frost hilft, ist die Beregnung. Aber auch das gestaltet sich nicht einfach, wenn kein See als Wasserspeicher in der Nähe ist. „Für diese Maßnahme sind die Bauern in der Region einfach nicht ausgestattet“, erklärt Albrecht Schützinger.   sei

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