Kirchheim

Beklemmendes Schauspiel

Kultur In einem Schiffscontainer auf dem Schulhof des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums führte das mobile Stuttgarter „Lokstoff“-Theater vier Tage lang ein Stück über Flucht auf. Von Tanja Gotthold-Knapp

Im engen, dunklen Container erzählt Belal - gespielt von afghanischen Flüchtlingen- seine Geschichte.Foto: privat
Im engen, dunklen Container erzählt Belal - gespielt von afghanischen Flüchtlingen- seine Geschichte.Foto: privat

Die karge Bühne im symbolträchtigen, engen und dunklen Schiffscontainer ist nur wenige Quadratmeter groß: ein Tisch, zwei Stühle, eine Lampe und einige angedeutete Aktenschränke. In dieser Szene sitzt der junge Belal in Deutschland vor seinem Asylentscheider - der als Stimme aus dem Off spricht - und erzählt von seiner Flucht aus Afghanistan nach Karlsruhe. Sie dauerte über ein halbes Jahr und umfasste eine Strecke von über 8 000 Kilometern.

Vier Tage lang hat das mobile Stuttgarter Theater „Lokstoff“ mit einem alten Schiffscontainer als Bühne Station beim Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium gemacht. Über 350 Schüler ab der achten Klasse hatten die Möglichkeit, das Theaterstück „Pass.Worte - Wie Belal nach Deutschland kam“ zu besuchen.

Das Besondere: An den vier Tagen schlüpfen verschiedene Flüchtlinge aus Afghanistan in Belals Rolle - und spielen damit auch etwas, was jeder von ihnen ganz ähnlich selbst erlebt hat. Nicht nur dieser Umstand schafft Direktheit. Auch die Sprache greift die Realität auf: Erzählt wird die Geschichte von den jungen Flüchtlings-Schauspielern zunächst auf Dari, einer Sprachvariante in Afghanistan. Simultan wird dann von Belals Dolmetscher ins Deutsche übersetzt.

Es ist eine sehr beklemmende Geschichte von unfreiwilliger Flucht vor dem Terror der Taliban, von Schleppern, geflüsterten Passwörtern, dunklen Kofferräumen, Gefängnis, Unfällen und Todesangst. Einige Dutzend Schüler sitzen dabei in sehr schmalen Reihen im dunklen Container hintereinander und erleben das Ganze aus der Perspektive des Asylentscheiders.

Die kleine, helle Bühne zieht mühelos eine Schulstunde lang die Schüler-Aufmerksamkeit auf sich. Am Ende dann, nachdem die Jugendlichen auch noch Gelegenheit hatten, mit dem Regisseur Wilhelm Schneck ins Gespräch zu kommen, verbreitet sich eine ruhige und nachdenkliche Stimmung: Hinter jedem Flüchtling steckt nicht eine Nummer, sondern ein berührendes Einzelschicksal mit vielen traumatischen Erlebnissen - das wurde eindrücklich klar.

Seit längerer Zeit ist das Stuttgarter Theater unterwegs mit dem Container. Das Gastspiel, das auf Betreiben der Kunstlehrerin Nicole Baisch auf den Milcherberg kam, war für die Schüler des LUG kostenlos, ermöglicht durch ein Förderprogramm und mit Unterstützung des Fördervereins der Schule .

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