Kirchheim

Berechenbarkeit als höchstes Gut

Lesung Der Autor Bijan Moini stellt in Kirchheim seinen Erstlings-Roman „Der Würfel“ vor. Darin geht es um eine Zukunftsvision, in der Maschinen den Menschen ein sorgloses, aber unfreies Leben bescheren. Von Ulrich Staehle

Bijan Moini hat iranische Wurzeln und wurde 1984 in Karlsruhe geboren. Foto: Markus Brändli
Bijan Moini hat iranische Wurzeln und wurde 1984 in Karlsruhe geboren. Foto: Markus Brändli

Aktueller geht es kaum: „Der Würfel“ ist dieses Jahr am 28. Februar erschienen, nun fand in der Buchhandlung Zimmermann in Kirchheim die Lesung statt, erst die fünfte des viel gefragten Mannes insgesamt. Und genauso brandaktuell ist das Thema künstliche Intelligenz, das Bijan Moini in seinem Debütroman verarbeitet. Wie geht die Gesellschaft mit der künstlichen Intelligenz um, die uns Computerprogramme beschert, die selbstständig Aufgaben bearbeiten können? Grenzenlose Verfügung über persönliche Daten wird uns den gläsernen Menschen bescheren, über den der Datenbesitzer uneingeschränkt Macht ausüben kann. Dieses Machtzentrum nennt Moini, der auch noch als Anwalt für Freiheitsrechte tätig ist, „Der Würfel“.

Dabei ist Bijan Moini keineswegs ein IT-Spezialist. Der 1984 in Karlsruhe geborene Jurist mit iranischen Wurzeln hat zeitweilig in Neuffen gelebt. Seinen Beruf hat er aufgegeben, um an dem „Würfel“ zu arbeiten. Dabei hat ihn die Frage umgetrieben, wie eine von der künstlichen Intelligenz beherrschte Welt aussehen würde und ob wir sie überhaupt wollen. Nehmen wir an, Deutschland wird in der Zukunft von einem perfekten Algorithmus, also von einer Instanz, die selbstständig planen kann, gesteuert. Dieser „Würfel“ ermöglicht den Menschen ein sorgenfreies Leben, zahlt allen ein Grundeinkommen, wählt das Parlament, erstickt Kriminalität im Keim und trifft private Entscheidungen wie etwa die Berufswahl. Berechenbarkeit, nicht Freiheit ist zum höchsten Gut geworden.

Um eine Romanhandlung zu generieren, erfindet Moini eine Vielzahl von Personen. Die einen, die online in einer virtuellen Welt leben, in der die Möglichkeit besteht, mithilfe von Ohrenstöpseln und Kontaktlinsen in einer Wunschwelt zu leben. Ihr gegenüber steht die andere Gruppe, die Minderheit, die dem „Würfel“ Widerstand leistet und offline selbstverantwortlich das Leben mit allen seinen guten wie schlechten Seiten zu bewältigen versucht. Im Spannungsfeld zwischen den beiden Lagern befindet sich der 28-jährige Taso, der sich der Totalerfassung des „Würfels“ entzieht, sich aber der Liebe wegen zeitweilig von ihm verführen lässt.

Diese Informationen bekamen die Zuhörer bei Zimmermann auf besondere Art geliefert: Filialleiterin Sibylle Mockler saß neben dem Autor, stellte ihn vor, ließ ihn aus dem ersten Kapitel lesen und stellte dann Fragen.

Die Leseprobe aus dem zweiten Kapitel gab Einblick in ein erweitertes gesellschaftliches Problem der künstlichen Intelligenz. Taso hat einen Zwillingsbruder namens Peter, der vom „Würfel“ restlos überzeugt ist. Als Taso auf die gemeinsame Geburtstagsparty zu Peters Familie geht, versucht Peters Frau Roja immer, zwischen den Brüdern zu vermitteln. Peters Kind spielt mit einem spektakulären Kolibri, der sich als Drohne herausstellt. Dieses Spielzeug ist „Trend“, Taso lobt es höflicherweise, lehnt es aber innerlich ab: Der Streit um die „schöne neue Welt“ geht bis in die Familie hinein.

Den Schlussteil bildeten Fragen in lockerer Abfolge von Sibylle Mockler und dem Publikum. Der Autor hat die Form des Romans gewählt und nicht die eines Sachbuchs, weil er im Roman zuspitzen und die Leser emotional mitnehmen kann: „Ich liebe Geschichten.“ Er hat eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der beiden Welten vermieden, auch der „Würfel“ schafft Gutes wie das bedingungslose Grundeinkommen und hat damit das Glück der Menschen als Ziel. Auch das Sinken des IQ der Allgemeinheit sollte Moinis Meinung nach nicht der Digitalisierung angelastet werden. Das Messinstrument des IQ ist veraltet. Statt in Rechtschreibung oder Kopfrechnen zeigt die junge Generation eine höhere Intelligenz im Umgang mit den neuen Geräten. Doch das „Würfelglück“ bringt den Verlust jeder persönlichen Freiheit mit sich. Spontaneität und Kreativität kann man sich nicht mehr vorstellen.

Die Herrschaft des „Würfels“ hat schon begonnen. In Ansätzen in Europa, in der Praxis schon in China, wo es den gläsernen Menschen schon gibt, der je nach seinem Verhalten gewertet und dann je nach dem Stand der Einordnung durch eine „Maschine“ Lebenschancen zugeteilt bekommt. Ein notwendiges Buch, so möchte man meinen, weil es die Tendenzen unserer Zeit bewusst macht und über die Folgen nachdenken lässt. Vielleicht ist es auch nicht nur ein fiktionaler Zukunftsroman, sondern ein prophetischer in der Tradition von Huxleys „Schöner neuer Welt“ und Orwells „1984“.

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