Kirchheim

Bild gewordene Poesie und Geschichte

Vortrag Der Theologe und Literaturwissenschaftler Albrecht Esche gibt historische und poetische Kommentare zu den Luftbildern von Manfred Grohe. Von Ulrich Staehle

Grafische Landschaft im Zollernalbkreis. Foto: Manfred Grohe
Grafische Landschaft im Zollernalbkreis. Foto: Manfred Grohe

Die beiden sind Freunde, der Fotojournalist Manfred Grohe und der Theologe und Literaturwissenschaftler Albrecht Esche. Vor ein paar Jahren wurden bei einer Landesausstellung Luftbilder von Grohe gezeigt. Er erzählt, dass Esche dadurch zu der Idee für eine Veranstaltung angeregt wurde, wie sie jetzt auf Einladung des Literaturbeirats im Vorlesesaal der Stadtbücherei stattfand: „Rundflug über Württemberg. Historisch und poetisch kommentiert von Albrecht Esche“. Als „Aperitif“ gab es eine satte Luftbilderfolge mit Motiven aus Baden-Württemberg. Beim Hohenzollern im Halbnebel kam Mörikes Herbstgedichtklassiker „Septembermorgen“ zu Gehör.

Nach dieser Einstimmung übernahm Esche endgültig das Wort, Grohe ließ Bilder sprechen. Esche, der viele Jahre Studienleiter in der Akademie Bad Boll war und schon einige Male in Kirchheim sein Wissen und Können gezeigt hat, geht davon aus, dass Luftbilder die Geschichte und die Poesie Württembergs offenbar werden lassen. Landschaften, Burgen, Schlösser, Stadtansichten, sie alle legen ein Zeugnis vergangener Zeit ab.

Weltbekanntes Fundstück

Der geschichtliche Anfang hat weltgeschichtliche Dimensionen. Im Lonetal werden erste Zeugen des homo sapiens mit seinen schon künstlerischen Fähigkeiten gefunden. Ein nur etwa fünf Zentimeter großes, etwa 40 000 Jahre altes Pferdefigürchen ist mittlerweile weltbekannt. Esche ging nun in großen historischen Schritten weiter, jeweils von Bildern angeregt. Die Heuneburg zeugt von der Besiedelung der Kelten. Sie besaßen aber keine Schrift und siedelten nur in losen Verbänden. Dadurch waren sie den Römern unterlegen. Das Römerkastell in Aalen ist ein Beleg. Es diente zur Sicherung des Limes, einer Grenzbefestigung von nicht weniger als 550 Kilometern. Doch auch diese „Mauer“ wurde überrannt - von den Germanen. Der „Runde Berg“ bei Urach zeigt Reste einer Alemannensiedlung.

Mit Flugbildern ist es kein Problem, große historische Schritte zu machen. Beim Bild vom Hohenstaufen kommt der Ursprung des europäischen Großreichs der Staufer zur Sprache. Der populärste Kaiser, Friedrich Barbarossa, ist 1190 in der Türkei auf einem Kreuzzug ertrunken. Esche rezitiert Uhlands „Schwabenstreich“, allerdings nicht ohne Vorbehalt angesichts des Chauvinismus und des halbierten Türken.

Humaner und friedlicher stimmt ein Bild von Maulbronn. 500 Jahre war es ein Zisterzienserkloster, wurde aber auf Initiative von Herzog Christof zu einer Klosterschule für künftige evangelische Theologen. Einige Schüler, die gerade nicht die Theologielaufbahn eingeschlagen haben, sind berühmt geworden, wie Kepler, Hölderlin und der Maulbronn-Flüchtling Hesse. Sein Gedicht „Im Kreuzgang“ lässt angesichts des Brunnens die Erinnerung an geistige Erhebung wach werden. Als Gegengewicht kommt das Kloster Weingarten ins Bild, ein Sinnbild katholischen Selbstbewusstseins, wie es auch im jährlichen Blutritt mit etwa 3 000 Pferden zum Ausdruck kommt.

Die Bilder der Städte sind von ihren verschiedenen Funktionen geprägt. Freudenstadt war Stützpunkt einer Landbrücke zu den linksrheinischen Gebieten, Ulm das Tor für Auswanderer nach Osten, Tübingen eine Universitätsstadt. Bei Tübingen kommt die Poesie zum Tragen, Hölderlins „Hälfte des Lebens“ und Justinus Kerners Hymne auf Graf Eberhard im Bart, dem Gründer der Uni. Das schwäbische Nationallied „Preisend mit viel schönen Reden“ wurde vom Publikum immerhin teilweise „mitgesungen“.

Bilder mit zeitgenössischen Motiven führten zu überraschenden Erläuterungen. Kleinteilige Äcker dokumentieren die jahrhundertelange Erbteilung, die zur Verarmung führte. Doch Not macht erfinderisch: Diese Verarmung zwang zur Tüftlermentalität, die Gestalten wie Bosch und Daimler hervorbrachte.

Doch auch von oben ist Württemberg nicht nur heile Welt. Der Hohenasperg war ein Herrschaftsinstrument. Schlösserbauten wie die Solitude hatten die Untertanen zu bezahlen: Da sind Brechttexte angemessen. Das Schloss Weikersheim beherbergt ein rechtslastiges Institut, und die heute noch im Steinbruch Lauster in Bad Cannstatt stehenden mächtigen Säulen waren für NS-Bauten in Berlin bestimmt. Diese dürfen aber für den Theologen Esche kein Schlussbild sein, sondern ein Sonnenuntergang bei der Teck und Texte von Goethe und Eichendorff.

Das Publikum konnte in den Luftbildern überraschende Perspektiven entdecken und in Farben schwelgen. Und Esche zeigte wieder seine ganze Klasse. Er vermag knapp und kompetent zu kommentieren und rezitiert poetische Texte frei und lebendig.

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