Kirchheim

Bis an die Grenzen des rhythmischen Anstands

Konzert Das „Saxophon-Ensemble Tübingen“ brilliert in der Kirchheimer Christuskirche mit Neuinterpretationen von Gassenhauern aus der Orchesterliteratur. Von Ernst Leuze

Tübinger Saxophon Ensemble in der Christuskirche Kirchheim. Leitung: Harry D. Bath 13.01.2019
Das Tübinger Saxophon Ensemble in der Christuskirche Kirchheim unter Leitung von Harry D. Bath. Foto: Thomas Kaltenecker

Noch voller als vor zwei Jahren war die Christuskirche Kirchheim am vergangenen Sonntag beim Konzert des „Saxophon-Ensembles Tübingen“ unter Harry D. Bath. „Wie am Heiligen Abend“, schwärmte ein Pfarrer. Und noch schöner als vor zwei Jahren, so scholl es aus dem überbordenden Beifall.

Dabei sah es zunächst gar nicht so aus, denn das Programm „Ouvertüre pur“ begann nicht mit Musik, sondern mit einer Anmoderation. Vermutlich wäre den Besuchern lieber gewesen, wenn es sofort geheißen hätte: „Wasser marsch“ für Händels Wassermusik. Ob die punktierten Rhythmen der Ouvertüre dann weniger gestelzt dahergekommen wären, muss allerdings offen bleiben.

Wenn der clevere Moderator nicht in die Geheimnisse der Musizierpraxis für den englischen König auf der Themse so amüsant eingeführt hätte, wären die überaus dezent gespielten Paukentöne vielleicht überhört worden. Der Schlagzeuger spielte ja mit seinen zierlichsten Schlegeln und verzichtete zum Glück auf die original derben Dinger, die wohl zu Trompeten gepasst hätten, jedoch kaum zu biegsamen Saxofonen.

Ganz andere Zauberflöte

Selten oder nie hört man eine derart anschauliche Beschreibung der Oper „Die Zauberflöte“ und ihrer Ouvertüre, so wie sie Stefan Pfister bot. Mit dem von ihm vermittelten freimaurerischen Wissen entdeckte das Publikum geheime Feinheiten der Komposition und konnte verschmerzen, dass die magische Leichtigkeit von Violinen, vor allem im Fugato, von Saxofonen mit dem besten Willen nicht erreicht werden kann. Da wandte sich ins Gegenteil, was der größte Vorzug des Programms war, lauter wohlbekannte Zugstücke der Orchesterliteratur zu bringen - von Mozart, Rossini Wagner und Johann Strauß. Zwar beglückt, diese Knaller einmal wieder zu hören, hat man sie halt anders im Ohr. Welche Alternative gäbe es überhaupt? Infrage kämen ja nur Originalkompositionen für das Saxophon-Ensemble. Doch ob diese uns so schmeicheln könnten, wie die bekannten Ohrwürmer? Der sich ständig steigernde Beifall indes gab Harry D. Baths Programmauswahl recht. Wie ein vollendeter englischer Gentleman ließ er lieber die Schuhabsätze über dem Abgrund schweben, als dass ihn die extrem engen Platzverhältnisse aus der Fassung gebracht hätten. Nur bei der urenglischen Musik von Edward Elgar; „Nimrod“ aus den berühmten Enigma Variationen, geriet der Dirigent gefährlich ins Schwingen. Er überstand es im wahrsten Sinne des Wortes.

Fette Jazzharmonien

Bei der Cuban Overture von George Gershwin gab es ein Kennenlernen des Komponisten von einer ganz neuen Seite. Keine süffigen Melodien, sondern knackige Latinorhythmen und fette Jazzharmonien. Rassig die beiden Schlagzeuger, wobei sich eine Saxofonistin wundersam in eine cool shakende Perkussionistin verwandelte. Wer da gedacht hatte, es gäbe mit dem russischen Komponisten Michail Glinka ein gemütliches Zurücksinken in die Frühromantik, sah sich aufs angenehmste enttäuscht. Die Saxofonisten liefen nun endgültig zur Höchstform auf. Schneller, als die Polizei erlaubt, rasten schwindelerregende Läufe durch die Tonräume - an der Grenze des Möglichen und auch Wahrnehmbaren. Es war ein russischer Rausch, der zwischendurch von anspruchsvoller motivischer Arbeit à la Beethoven konterkariert wurde. Eine echte Trouvaille - diese Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla!

Die Zugabe, Leonard Bernsteins wilde Musik zu „Candide“, sprengte alle Grenzen des rhythmischen Anstands und versetzte in einen wilden Taumel, aus dem nur eine flüssige irische Volksmelodie erlösen konnte. So rasant die Musik, so rasend der Beifall. Und was nie vorkommt: der größte frenetische Jubel galt dem Moderator, zugleich Bass-Saxofonist - einfach unwiderstehlich, wie das ganze Ensemble. Und „Sir Harry“ hat wieder einmal gezaubert.

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