Kirchheim

BlessOF zieht in zwei Jahren aus

Mayer-Kuvert-network aus Heilbronn sucht neuen Standort für die traditionsreiche Otto Ficker AG

Der Traditionsstandort an der Stuttgarter Straße steht vor dem Aus: 2018 wird BlessOF ausziehen – wohin, das muss sich erst noch zeigen.

Seit über hundert Jahren ein vertrautes Straßenbild in Kirchheim: das Areal der Otto Ficker AG. Die Gebäude sollen erhalten blei
Seit über hundert Jahren ein vertrautes Straßenbild in Kirchheim: das Areal der Otto Ficker AG. Die Gebäude sollen erhalten bleiben. Die Firmengruppe Mayer-­Kuvert-network sucht allerdings einen neuen Standort für BlessOF - zwischen Kirchheim und Reutlingen.Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Wir verlegen den Standort“, sagte Thomas Schwarz, Geschäftsführer der Firmengruppe Mayer-Kuvert-network, gestern auf telefonische Anfrage des Teckboten. Mehrere Probleme am bisherigen Standort der Otto Ficker AG in Kirchheim führt er als Grund für diese Entscheidung an. Hauptproblem: „Der Standort ist viel zu groß. Er war einmal ausgelegt für 400 Leute.“ Aktuell seien in Kirchheim in der Produktion bei BlessOF nicht mehr ganz 150 Menschen beschäftigt. Hinzu kommen zwei weitere Bereiche, die zur Firmengruppe gehören: 20 Mitarbeiter sind im Vertrieb tätig, weitere 15 sind für das nachträgliche Bedrucken von Briefumschlägen und Versandtaschen zuständig. Alles in allem sind das weit weniger als die Hälfte der Mitarbeiterzahl, für die der Standort geeignet ist.

Nun wäre eine Verkleinerung des genutzten Gebäudebestands zwar grundsätzlich möglich. Aber an dieser Stelle führt Thomas Schwarz eben noch zwei weitere Schwierigkeiten ins Feld: Energetisch sei das Fabrikgebäude, das der einstige Stararchitekt Jakob Philipp Manz in der wilhelminischen Zeit in mehreren Abschnitten errichtet hatte, längst nicht mehr „darstellbar“, geschweige denn auf der Höhe. „Die Heiztechnik beruht auf einem vorsintflutlichen Gaskessel.“ Eine weitere Schwierigkeit stelle die Umgebung dar. Einst auf der grünen Wiese erbaut, gibt es für die Fabrik längst eine nachbarschaftliche Umgebung, mit der ein industrieller Drei-Schicht-Betrieb nicht immer in Einklang zu bringen ist. „Der Industrielärm war schon vorher da“, sagt Thomas Schwarz und fügt hinzu: „Das interessiert aber nicht jeden.“

Auf der Suche nach „etwas Kleinerem“ für BlessOF jedenfalls sei ­Mayer-Kuvert schon seit mehreren Jahren. Nach Möglichkeit soll es zwar ein neuer Standort sein, aber eben „aus dem Bestand“. An einen Neubau sei nicht unbedingt gedacht. Die Suche erstrecke sich auf den gesamten Raum in und um Reutlingen, in und um Kirchheim sowie auf alles, was dazwischen liegt. Mehrere Immobilienmakler seien „am Start“, um irgendwann das Passende zu finden.

Der Druck erhöht sich so langsam. Der Verkauf des Geländes an der Stuttgarter Straße ist beinahe unter Dach und Fach. „Erwerber und Projekt passen“, sagt Thomas Schwarz, ohne auf weitere Details einzugehen. In der ersten Jahreshälfte 2018 soll der Umzug an den neuen, noch unbekannten Standort beginnen. In der zweiten Jahreshälfte bleibt Zeit, um die Gebäude endgültig auszuräumen, damit das komplette Areal zum Jahresende 2018 übergeben werden kann. Was den neuen Standort betrifft, stellt Thomas Schwarz trocken fest: „Wir müssen fündig werden.“

Denkbar wäre, dass es im Extremfall sogar drei neue Standorte gibt – für jeden der aktuellen Teilbereiche einen. Auf die Arbeitsplätze als solche habe die Standortsuche dagegen keine Auswirkung: Alle Mitarbeiter sollen ihre Arbeitsstellen behalten. Gegebenenfalls müssten sie eben ab 2018 weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen. Aber alle Mitarbeiter seien über die Planungen informiert.

Ein gezielter Stellenabbau durch Entlassungen sei mit der Standortverlagerung nicht verbunden. Was es durchaus gebe, sei die Reduzierung von Arbeitsplätzen, indem Stellen nicht mehr neu besetzt werden, wenn Mitarbeiter aus Alters- oder sonstigen Gründen das Unternehmen verlassen: „Da ersetzen wir in Kirchheim nicht mehr – außer bei Funktionen, die unbedingt erforderlich sind.“

Dennoch sei die Produktion am bisherigen Standort Kirchheim „wichtig fürs Produktportfolio“. Für die gesamte Branche stellt Thomas Schwarz immerhin fest: „Wir sind die Nummer eins. Unser Marktanteil bei Briefumschlägen und Versandtaschen liegt in Europa bei 30 Prozent und in Deutschland bei 45 Prozent.“ Ein Nachteil seien allerdings fehlende Standorte in Osteuropa. Die Mayer-Gruppe nutze aber bereits „Synergieeffekte in der Verwaltung“, um Vorteile durch „schlanke Produktionsstandorte“ zu erzielen.

Ob Kirchheim weiterhin Standort für die Produktion bleiben wird, muss sich in nächster Zeit entscheiden. Der Traditionsstandort an der Stuttgarter Straße jedenfalls wird 160 Jahre nach Gründung der Otto Ficker AG aufgegeben, das ist sicher. Damit ist Otto Ficker bislang aber besser gefahren als Blessing in Pfullingen: 2004 waren beide Unternehmen zu BlessOF fusioniert. Noch bevor 2008 die Mayer-Gruppe aus Heilbronn einstieg, war im Rahmen der Konsolidierung von 2006/07 der Standort in Pfullingen aufgegeben worden – zugunsten des Standorts Kirchheim. Nun dürfte es auch Kirchheim treffen, es sei denn, die Makler werden doch noch in der Teckstadt fündig: mit einem geeigneten Standort aus dem Bestand.

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