Kirchheim

Bodenpersonal gesucht

Der Pfarrdienst ist vielseitig, trotzdem fehlt evangelischen Kirchen der Nachwuchs

Pfarrermangel schien lange ein katholisches Problem zu sein. Zwischenzeitlich macht sich das auch in der evangelischen Kirche bemerkbar. Freie Pfarramtsstellen lassen sich immer schwieriger neu besetzen.

Zwei, die mit Begeisterung den Pfarrdienst ausüben: Matthias Hennig (links) und Daniel Trostel.Foto: Daniela Haußmann
Zwei, die mit Begeisterung den Pfarrdienst ausüben: Matthias Hennig (links) und Daniel Trostel.Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim. Langweilig wird es Daniel Trostel und Matthias Hennig beileibe nicht. Spannender und abwechslungsreicher kann ein Beruf kaum sein – die beiden sind evangelische Pfarrer mit ganzer Passion. Ob Gottesdienst, Hochzeit, Taufe, Konfirmanden- oder Religionsunterricht, Projektarbeit, Haushaltsplanung, Kirchenrestaurierung, Öffentlichkeits-, Kinder- oder Jugendarbeit, die Aufgaben, die Trostel und Hennig in ihren Kirchengemeinden wahrnehmen, sind vielfältig, interessant und herausfordernd zugleich.

Während die beiden Kirchenmänner ihren Traumberuf ausüben, sitzen in den Vorlesungssälen und Seminarräumen theologischer Fakultäten immer weniger Studierende. Wenn Geistliche in den Ruhestand gehen, stehen die Kirchen vor Ort vor einem Problem. Denn es sind bei Weitem nicht genügend junge Leute vorhanden, die den Gang auf die Kanzeln wagen.

Begonnen hat das Dilemma laut Matthias Hennig 1994. Damals habe es mehr Bewerber als freie Stellen gegeben. „Bis zu drei Jahren mussten Absolventen warten, bis sie ihr Vikariat, die praktische Vorbereitung auf den Beruf des evangelischen Pfarrers, antreten konnten“, berichtet Hennig. „Viele sahen sich in den neunziger Jahren deshalb anderweitig auf dem Arbeitsmarkt um und gingen dem Pfarrdienst verloren.“

Hinzu kommt, dass sich in Dörfern und Gemeinden laut Daniel Trostel der demografische Wandel bemerkbar macht. Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt und mit ihr die Einnahmen aus der Kirchensteuer. Die Folge: Zusammenlegungen von Kirchengemeinden. Gerade im ländlichen Raum, wo ein Großteil der Kirchen steht, müssen Pfarrer immer häufiger mehrere Gemeinde betreuen, der Arbeitsumfang steigt, wie Trostel bemerkt. Deshalb sei es wichtig, dass Kirchengemeinden Visionen und Strategien für die Zukunft entwickeln, mit klar umrissenen Zielsetzungen. „Denn da wo sich interessante Aufgaben und Herausforderungen auftun, gestaltet sich die Besetzung offener Pfarramtsstellen leichter“, so der Dettinger Kirchenmann.

Das gilt aus Matthias Hennigs Sicht auch, wenn im Zuge der Zusammenlegung ein zentraler Kirchengemeinderat entsteht. „Das erleichtert Pfarrern die Arbeit, da sie so weniger Sitzungen wahrnehmen müssen und Inhalte gebündelt behandelt werden können“, erklärt der Weilheimer Theologe. Das Berufs- und Privatleben von Pfarrern lässt nicht immer trennen. „Damit muss man lernen umzugehen“, weiß Daniel Trostel. Der Pfarrberuf bestehe aus einer Sieben-Tage-Woche und einem freien Arbeitstag. „Das ist nicht für jeden attraktiv“, meint er. „Der Beruf bietet aber zeitliche Flexibilität und vor allem Gestaltungsräume in der Gemeindearbeit.“ Und gerade das mache seine Attraktivität aus.

„In kaum einem anderen Beruf hat man mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Milieus und in so verschiedenen Lebenssituationen zu tun“, sagt Daniel Trostel. „Einerseits geht es um die Verkündigung des Wort Gottes, um die Vermittlung geistlicher Dinge, um Seelsorge und die Beantwortung theologischer Fragen.“ Andererseits stehe die Zusammenarbeit mit den vielen Ehrenamtlichen im Mittelpunkt, ohne die das Leben in den Gruppen und Kreisen der Gemeinde nicht funktionieren würde. Sie zu begleiten, zu fördern und zu unterstützen empfindet Hennig ebenso als Bereicherung, wie mit den Kirchengemeinderäten die Zukunft der Gemeinde zu gestalten.

Doch Pfarrer zu sein heißt für Daniel Trostel auch Führungsverantwortung für Mitarbeiter zu übernehmen oder Menschen an Wendepunkten ihres Lebens zu begleiten und Anteil zu nehmen. Pfarrer zu sein ist mehr als die Sonntagspredigt zu halten und den direkten Draht zum lieben Gott zu pflegen. Kein Arbeitstag ist wie der andere. „Das Pfarramt ist mitten im Leben verankert und so bunt wie das Leben ist, so vielseitig ist auch der Beruf“, sagt Matthias Hennig, der zusammen mit Daniel Trostel Gymnasiasten einlädt sich bei einem Praktikum in ihren Pfarrämtern ein Bild von dem Beruf zu machen.

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