Kirchheim

Brezeln, Sekt und ernste Worte

Engagement Der Friedensnobelpreis für ICAN wird auch in Kirchheim gefeiert: Angelika Matt-Heidecker setzt sich seit Jahren gegen Atomwaffen ein. Von Günter Kahlert

Angelika Matt-Heidecker (links) zeigt gemeinsam mit Pax Christi und der DFG-VK Flagge gegen atomare Aufrüstung. Foto: Günter Kah
Angelika Matt-Heidecker (links) zeigt gemeinsam mit Pax Christi und der DFG-VK Flagge gegen atomare Aufrüstung. Foto: Günter Kahlert

Da kommt ein Hauch von großer Welt nach Kirchheim: „Wir haben den Friedensnobelpreis bekommen“, begrüßt Klaus Pfisterer von der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK) die Menschen vor dem Rathaus. Moment mal! Den Friedensnobelpreis hat die Anti-Atomwaffen-Organisation ICAN bekommen, nicht die DFG-VK. Ist das nicht ein bisschen vollmundig? „Nein, keineswegs“, sagt Klaus Pfisterer bestimmt. „Es gibt fast 500 Organisationen, die sich weltweit gegen Atomwaffen engagieren. Sie alle gehören zu ICAN.“ Er zitiert ein persönliches Schreiben von Xanthe Hall, Urgestein der Bewegung und im ICAN-Vorstand Deutschland: „Ihr habt den Friedensnobelpreis mit gewonnen. Ohne all die Partnerorganisationen hätten wir nicht gewinnen können.“ Dann wäre das also geklärt. In dem Brief fordert Hall auch auf, jetzt erstmal zu feiern.

Genau das passiert vor dem Kirchheimer Rathaus: Sekt und Brezeln an zwei Stehtischen, die beteiligten Organisationen DFG-VK und Pax Christi halten Fahnen und ein Transparent „Atomwaffenfrei. Jetzt.“ Initiiert hat das Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, die sich selbst seit 2005 bei den „Mayors for Peace“ (Bürgermeister für den Frieden) engagiert. 500 solcher Bürgermeister gibt es inzwischen in ganz Deutschland. Sie organisieren immer wieder Aktionen für Frieden und gegen Atomwaffen.

„Ich habe meinen Amtseid geleistet, für das Wohl der Bürgerschaft einzutreten. Deshalb ist es wichtig, sich zu engagieren“, beginnt Angelika Matt-Heidecker in einer Rede. Klingt fast ein bisschen pathetisch. Wenn man sich mit der Oberbürgermeisterin unterhält, merkt man aber schnell: Es ist keine wohlfeile Kommunalpolitiker-Floskel, es ist ihr ein ganz persönliches Anliegen. „Mir wird angst, wie sorglos wir damit umgehen und wie wenig diese latente Gefahr in der Bevölkerung wahrgenommen wird“, schildert sie ihre Beweggründe. „Die Menschen haben Angst vor Fipronil in Eiern, sie sorgen sich um den nächsten Grippevirus, aber die wirklich tödliche Gefahr des Atomwaffenarsenals weltweit wird von den meisten einfach verdrängt.“ Obwohl man genau wisse, was beim Einsatz von Atomwaffen passiert, das hätten Hiroshima und Nagasaki 1945 gezeigt.

„Als ich dieses Jahr ein Schreiben der Hibakusha, der Überlebenden der Atombombenabwürfe, bekam, hat mich das zutiefst berührt“, erzählt die Oberbürgermeisterin. „Die drastische Beschreibung ihrer Erlebnisse und der leidenschaftliche Appell, dass so etwas nie wieder passieren darf, gehen mir sehr nahe.“ Die politischen Entwicklungen weltweit lassen einen allerdings wenig hoffen: „Es wird permanent gezündelt, nicht nur Donald Trump legt ständig neue Lunten, die den Frieden gefährden“, meint Angelika Matt-Heidecker zur aktuellen Situation.

Das gleiche Thema stellte auch Karl-Heinz Wiest von Pax Christi Kirchheim in den Mittelpunkt seiner Rede. Der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea, die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran und natürlich das amerikanische Atomwaffenlager in Büchel im Hunsrück. „Unterzeichnen Sie das Abkommen zur Ächtung der Atomwaffen wie Österreich und Irland“, formuliert er die Forderungen seiner Organisation an die künftige Bundesregierung. „Sorgen Sie für den Abzug der amerikanischen Atomwaffen“, ergänzt Wiest.

Immerhin, einen Erfolg haben alle, die für den Frieden und gegen Atomwaffen eintreten, erzielt: Am 7. Juli 2017 haben 122 Staaten den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen beschlossen. Der „kleine“ Schönheitsfehler: Die neun Nuklearmächte haben nicht mitgezogen, ebenso die gesamte Nato, und selbst Japan hat sich verweigert. Kein Grund also nachzulassen in den Anstrengungen aller Organisationen, auch für Angelika Matt-Heidecker und die „Mayors for Peace“.

7 392 Städte gegen Atomwaffen

Mayors for Peace ist eine internationale Organisation von Städten, die sich der atomaren Abrüstung verschrieben haben. Die Organisation wurde 1982 auf Initiative des damaligen Bürgermeisters von Hiroshima, Takeshi Araki, gegründet. Aus der Überlegung heraus, dass Bürgermeister für die Sicherheit ihrer Bürger verantwortlich sind, versuchen die Mayors for Peace Einfluss auf die weltweite Verbreitung von Atomwaffen zu nehmen. Seit der Gründung haben sich insgesamt 7 392 Mitgliedsstädte in 162 Ländern angeschlossen. tb

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