Kirchheim
Charlotte Kretschmann: Mit 113 auf Instagram unterwegs

Rekord Die Kirchheimerin ist wahrscheinlich die älteste Deutsche und erfreut sich bester Gesundheit. Am Samstag stößt die gebürtige Breslauerin auf unglaubliche 113 Jahre an. Von Thomas Zapp

Die elegant gekleidete Dame genießt den medialen Auftrieb in ihrem kleinen Zimmer. „Oh, der Teckbote gibt mir die Ehre, den lese ich jeden Tag. Die Spatzen pfeifen es wohl von den Dächern“, sagt sie fröhlich. Zuvor hatte sie bereits dem Fernsehen Auskunft gegeben, dafür hatte sie ihr volles Haar noch vor dem Termin frisieren lassen. Die Ehefrau ihres Enkels war dafür extra mit ihr beim Friseur – außerhalb des Seniorenheims.

Am Samstag wird Charlotte Kretschmann sagenhafte 113 Jahre alt. „Ich hab wohl gute Gene“, sagt die gebürtige Breslauerin. Ihre Eltern sind auch über 90 Jahre alt geworden, ihre jüngere Schwester ist vor vier Jahren gestorben, mit 96. Sie ist vermutlich die älteste lebende Deutsche, so steht es zumindest im Online-Lexikon Wikipedia, das statistische Bundesamt gibt keine Namen heraus. 

„Schau mal Omi, das steht jetzt bei Instagram“, erklärt Ihr Enkel Peter Pauer und zeigt ihr den frischen Eintrag über die Jubilarin auf dem Handy. Die ist begeistert: „Tolle Sache, was mit der Technik alles möglich ist.“ Über Instagram hat sie auch ihre Nichte in Florida wiedergefunden. „Ich hoffe, dass sie es sieht“, sagt sie. Die Nichte ist 82 Jahre alt    

Im Kirchheimer Henriettenstift, wo sie seit 2014 lebt, gehört Charlotte Kretschmann um 6 oder 6.30 Uhr morgens zu den ersten, die geweckt werden. Nach dem Frühstück startet sie dann ihre Runde durch den Garten, rund ums „Wässerle“, einem kleinen Teich. „Ich muss immer an die frische Luft“,  sagt sie. Mit dem Rollator oder dem Rollstuhl bewegt sich die 113-Jährige dann alleine über den Weg. Nach der Rückkehr schaut sie sich das Treiben im Stift an, wer kommt, wer geht. „Mein Kopf ist Gott sei Dank klar“, sagt sie. Und auch körperlich ist sie noch weitestgehend mobil, obwohl sie vor drei Jahren mit dem Rollstuhl eine Treppe herunter gestürzt war. „Das ist eine Art Weltwunder, dass sie sich damals nichts gebrochen hat“, sagt ihr Enkel. 

Mit dem Fernsehteam geht es in die Kirchheimer Innenstadt. Enkel und Oma trinken für die Kamera einen Glühwein auf der Terrasse des Waldhorn. „Oh, der ist gut. Kräftig und etwas lieblich muss er sein“, sagt sie und genießt das heiße Getränk. Ein Gläschen Rotwein oder auch zwei, die gönnt sie sich gerne. 

Mit Mitte 90 bekam sie einen Herzschrittmacher. „Da muss ich noch weiterleben, den hat ja die Krankenkasse bezahlt“, habe sie damals gesagt, erzählt ihr Enkel schmunzelnd. Sie hat Wort gehalten, mittlerweile ist sogar schon die Batterie wieder gewechselt worden.

Schattenseiten eines langen Lebens

Ein solch langes Leben hat aber nicht nur schöne Seiten: Zwei Kriege hat sie erlebt, besonders schlimm war für sie der zweite Weltkrieg. Vertreibung aus der Heimat, Hunger und die ständige Angst, erschossen zu werden, ein Weihnachtsfest, an dem es nur Kohlblätter gab: All das hat ihre Jugend geprägt. Doch auch andere Schmerzen hält solch ein biblisches Alter bereit, bedeutet es doch auch, dass man viele geliebte Menschen überlebt. So war 2019 ihre einzige Tochter Siegrid gestorben, im Alter von 82 Jahren. „Da habe ich nachts viel geweint“, sagt sie. Auf dem Dachboden hatte sie das Kind nach dem Kind groß gezogen, der Mann kam spät aus dem Krieg heim. Zeit für ein zweites Kind gab es einfach nicht. 

Mit ihrem Mann teilte sie die Leidenschaft für Sport, er war ein erfolgreicher Sprinter, sie eine der 30 besten 800-Meter-Läuferinnen in Deutschland in ihrer Altersklasse. Aber er hatte ein Laster: „Er hat viel geraucht“, sagt sie. Vor 30 Jahren starb er. „Danach wollte ich eigentlich gar nicht mehr leben“, sagt sie in einem älteren Fernsehbeitrag. Doch mehr als 20 Jahre lebte sie alleine in Bad Cannstatt, bevor ihre Enkel sie nach Kirchheim holten.

Wer die rüstige Dame erlebt, erkennt vielleicht eins ihrer kleinen Geheimnisse: Charlotte Kretschmann kann sich auch über die kleinen Dinge freuen, etwa den Weihnachtsbaum in ihrem Zimmer. Und da sind ja auch noch ihre beiden Enkel Peter und Jürgen. Sie waren immer ihr ein und alles und bis heute ist sie bei einem abwechselnd jeden Sonntag zu Gast für etwa drei Stunden. Mit den beiden Enkeln und ihren Frauen wird Charlotte auch in Oberboihingen ihren Geburtstag feiern, beim Italiener. Dort wird es mit Sicherheit auch einen Rotwein geben: Kräftig und lieblich, so wie sie ihn liebt.

„Bleiben Sie gesund und kommen sie gut ins neue Jahr. Dann gibt es hoffentlich wieder Frieden“, sagt die Jahrhundertzeugin zum Abschied.