Kirchheim

„Das Angebot ist eine Riesenchance“

Unterricht Insgesamt 3800 Schüler sind im Landkreis Esslingen für die „Lernbrücken“ angemeldet. Nicht alle Kinder, die eine Empfehlung der Lehrer hatten, wollen in den Ferien Stoff nachholen. Von Anke Kirsammer

Betreut von ausgebildeten Lehrkräften, können Schüler in Baden-Württemberg in den letzten beiden Ferienwochen Versäumtes nachhol
Betreut von ausgebildeten Lehrkräften, können Schüler in Baden-Württemberg in den letzten beiden Ferienwochen Versäumtes nachholen. Symbolbild: dpa/BerndWüstneck

In der Schule sitzen und lernen, während andere noch ihre Ferien genießen. Rund 3800 Schüler im Kreis Esslingen werden in den letzten beiden Wochen der Sommerferien quer durch alle Schularten eine Lernbrücke nutzen. Doch längst nicht alle Kinder, deren Lehrer ihnen empfohlen hatten, das Angebot wahrzunehmen, machen mit. Darüber ist der Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann erbost: „Wir lassen uns das Ganze 13 Millionen Euro kosten, und dann wird es von vielen nicht angenommen“, sagt er. Immer wieder heiße es, in Deutschland entscheide der Geldbeutel der Eltern über den schulischen Erfolg. Jetzt gebe es ein kostenloses Angebot und das werde oft ausgeschlagen. An der Kirchheimer Freihof-Realschule beispielsweise sei es 79 Kindern unterbreitet worden. Angenommen hätten es nur 29. An einer Weilheimer Schule hatte sich laut Karl Zimmermann von acht Schülern, denen in einer Klasse Nachholbedarf bescheinigt worden war, gar keiner angemeldet. Es sei sicher nicht einfach gewesen, Lehrer in den Ferien an Land zu ziehen. Umso ärgerlicher findet es der CDU-Politiker, dass den Familien vielfach 14 freie Tage wichtiger seien als die Schule.

Wie Zimmermann lobt auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen im baden-württembergischen Landtag, Andreas Schwarz, das Angebot. „Ich kann nur allen, die es benötigen, den Tipp geben, es anzunehmen“, so Schwarz. Durch den Einsatz ausgebildeter Pädagogen böten die Lernbrücken eine sehr gute Unterstützung. „Mir ist wichtig, dass wir niemanden im Stich lassen.“ Warum Familien das Angebot ausgeschlagen haben, müsse man im Einzelfall ergründen.

„Zwar kollidieren die Lernbrücken beim ein oder anderen mit den Urlaubsplänen, aber die Resonanz war wirklich gut“, sagt der kommissarische Schulleiter der Kirchheimer Alleenschule, Volker Blankenhorn. Insgesamt nehmen fast 50 Kinder der Grund- und Werkrealschule an der Lernbrücke teil. Weil die Vorbereitungsklassen-Kinder in dem Landesprogramm durchs Raster fielen, springt die Organisation „Starkes Kirchheim - Allen Kindern eine Chance“ bei der Finanzierung ein. Den gewaltigen logistischen Aufwand für das Einrichten der Lernbrücken habe die Schule gerne auf sich genommen. Für nicht ganz unproblematisch hält Volker Blankenhorn jedoch die zulässige jahrgangsübergreifende Mischung der Kinder. Sie entspreche nicht den Corona-Regeln, die im kommenden Schuljahr wieder gelten. Sie führe auch dazu, dass die Lehrer vier bis fünf verschiedene Lernpakete schnüren müssen, um alle Klassen zu bedienen. Zudem fragt er sich, ob die Lernbrücken nicht der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“ seien. „Mir wäre es wichtiger gewesen, wir hätten über einen längeren Zeitraum eine kontinuierliche Begleitung von Kindern mit Bedarf bekommen“, sagt Volker Blankenhorn.

Das ist auch der Tenor, den die Elternbeiratsvorsitzende der Rauner-Gemeinschaftsschule, Susen Sadrina, aus Gesprächen mit anderen Eltern herausgehört hat. Ein fortlaufendes, einmal wöchentlich während der Schulzeit stattfindendes Angebot, das die Kinder mit Lernlücken an die Hand nimmt, hätten viele mehr begrüßt als die zweiwöchige Lernbrücke in den Sommerferien. Häufig würden die Schüler dort auch nicht von Lehrern unterrichtet, die sie kennen. „Wir sind aber froh für die Hilfe, die wir damit bekommen“, betont Susen Sadrina. Insgesamt sind am Rauner-Campus 27 Kinder für den Zusatzunterricht in den zwei Wochen vor dem offiziellen Schulstart angemeldet. Zwölf Kinder der Teck-Realschule und 15 Kinder der Gemeinschaftsschule. 20 Kinder der Gemeinschaftsschule waren der Empfehlung der Klassenkonferenz nicht gefolgt.

„Die Eltern sehen die Lernbrücken als Chance“, sagt die Elternbeiratsvorsitzende des Kirchheimer Schlossgymnasiums, Anette Beck. Einige hätten allerdings gedacht, dass daran mehr Schüler teilnehmen könnten, schließlich hätten nach der Homeschooling-Phase viele Kinder Bedarf. „Fragezeichen sehe ich vor allem für die künftigen Abiturienten“, sagt Anette Beck.

Voll des Lobes für die Lernbrücken ist auch der stellvertretende Schulleiter des Schlossgymnasiums, Hans-Ulrich Lay: „Wir haben das maximal Positive rausgezogen - wie immer seit der Pandemie“, sagt er. In Mathe, Deutsch, Englisch oder Französisch werden insgesamt fast 50 Schüler vor allem der Klassenstufen 5, 6, 8 und 9 unterrichtet. Wie viele dazu noch aufgefordert waren, kann der Konrektor nicht sagen. Jeden Tag sind drei bis vier Lehrer an der Schule. Pädagogen zu gewinnen, war im Schlossgymnasium kein Problem. Es hatten sich sogar mehr Lehrkräfte gemeldet als benötigt werden. Statt sie an andere Schulen zu schicken, wie vom Regierungspräsidium angefragt, gibt es jetzt am Schloss eine Krankheitsreserve. Die Kritik, die es im Vorfeld gegeben hatte, weil die Lernbrücken sehr kurzfristig ins Leben gerufen worden waren, weist Lay zurück: „Sie sind eine Riesenchance. Die Kultusministerin macht einen guten Job. Schließlich ist die ganze Schulorganisation ein riesiger Tanker.“

Die Lernbrücken gibt es im Landkreis quer durch alle Schularten

Anfang Juli hatte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann entschieden, die Lernbrücken einzurichten. Gedacht sind sie für Schüler, die schon vor der Schulschließung Defizite hatten, während des Homeschoolings schlecht oder nicht erreicht wurden beziehungsweise im kommenden Schuljahr voraussichtlich versetzungsgefährdet sind.

Rund 2300 Schüler aus Grund-, Werkreal-, Gemeinschafts-, Real- und Förderschulen im Landkreis Esslingen sind für die Lernbrücken angemeldet. Weiteren 800 Schülern war die Teilnahme empfohlen worden. An 83 Standorten im Kreis werden 180 Lerngruppen eingerichtet. Den Unterricht übernehmen 230 Lehrer, 61 junge Lehrkräfte, die bereits zum 31. August in den Schuldienst eintreten und 25 sonstige Personen.

Gut 1200 Gymnasiasten im Kreis Esslingen nehmen ebenfalls an einer Lernbrücke teil. Laut einer Sprecherin des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart werden für sie an 17 Gymnasien insgesamt 81 Kurse eingerichtet. Berufliche Schulen bieten im Kreis 27 Kurse an. Angemeldet haben sich 279 Schüler. Wie viele Schüler eine Empfehlung erhalten hatten, hat das RP nicht erhoben. ank

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