Kirchheim

Das Ende der Fahnenstange ist zu weit oben

Rollschuhplatz Der Kirchheimer Gestaltungsbeirat schickt die Planungen für den Verwaltungsneubau in eine weitere Runde – um zu schrumpfen. Von Andreas Volz

Hier kann sich jeder ein eigenes Bild machen: Die Stange am linken Ende der Holzwand zeigt die Firsthöhe an, die der aktuelle En
Hier kann sich jeder ein eigenes Bild machen: Die Stange am linken Ende der Holzwand zeigt die Firsthöhe an, die der aktuelle Entwurf für den Neubau vorsieht. Der obere Winkel verschwindet auf diesem Foto bereits im Blätterwerk des Baumes im Vordergrund. Foto: Carsten Riedl

Schnell war klar, dass der Gestaltungsbeirat seine Sitzung in der Stadthalle abbrechen musste - um vor Ort weiterzudiskutieren. Am Rollschuhplatz stecken nämlich sechs Metallstangen das ganze Ausmaß ab, über das zu diskutieren war. Die aktuelle Planung sieht für den Neubau Marktstraße 1 + 3 in Kirchheim genau die Dimensionen vor, die diese sechs Stangen samt der roten Winkel am oberen Ende als prägnante Punkte vorgeben.

Vor Ort wurden in erster Linie die heruntergenommenen Traufhöhen gelobt. Ganz anders sah es mit der Firsthöhe aus: Die erschien fast allen Beteiligten als deutlich zu hoch. Ein weiterer Kritikpunkt: Die angedeutete östliche Giebelfront ragt um mindestens fünf Meter weiter in den Rollschuhplatz hinein als eigentlich vorgesehen.

Dass es sich an dieser Stelle nicht um ein x-beliebiges Bauprojekt auf einem x-beliebigen Baugrundstück handelt, verdeutlichte Dr. Martin Hahn vom Landesamt für Denkmalpflege: „Wenn es nur ein klein wenig zu lang, zu breit oder zu hoch wäre, dann wäre ich deswegen nicht nach Kirchheim gekommen. Aber dieser Maßstabssprung ist sehr bedenklich aus denkmalpflegerischer Sicht.

Zwei besonders eindrucksvolle Ensembles zeugen in Kirchheim von der einstigen Bedeutung als württembergische Landesfestung, wie Martin Hahn ausführte: „Das eine ist das Schloss mit Mauer, Bas­tion und tiefem Graben, und das andere ist im Nordosten - mit Bas­tion, Vogthaus, mittelalterlicher Stadtmauer und der Grabensituation samt Festungswall am Rollschuhplatz. Ein solches Stück Stadtbefestigungsgeschichte ist landesweit eine Seltenheit.“ Nicht zuletzt habe sich die Stadt Kirchheim 2006 selbst eine Gesamtanlagensatzung gegeben und den Bestand der historischen Altstadt darin als Schutzgut verankert, um ihn zu bewahren.

Martin Hahns grundsätzliche Einschätzung lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Das ist eigentlich gar kein Bauplatz, sondern ein Freiplatz, der für die Geschichte der Stadt sehr bedeutend ist. Man sollte es sich also leisten, hier nichts zu bauen.“ Trotz dieser kategorischen Aussage zeigte er sich aber kompromissbereit: „Wir fordern ja nicht den Rückbau in die Festungszeit, und schon gar nicht in die Eiszeit.“

Es sei durchaus sinnvoll, wenn die Stadtverwaltung in der Innenstadt bleibe, in der Nähe des Rathauses. Deshalb könne dort durchaus ein Neubau entstehen, den die Stadt Kirchheim langfristig anmietet: „Bis vor kurzem stand da ja auch noch ein anderes Gebäude - obwohl das eigentlich auch schon nicht hätte gebaut werden sollen. Aber deswegen kann man auf jeden Fall über eine Neubebauung nachdenken - nur eben nicht in dieser Dimension.“

Die Grundfläche für den Neubau sei das eine. Aber auch die Höhe spiele eine große Rolle: „Durch die Höhe würde dieses Gebäude das Stadtbild prägen, und da sollte es keine neue Dominante neben dem Vogthaus geben.“

„Das ist zu lang und zu hoch“

Dieter Franz Hoff, Mitglied sowohl des Gemeinderats als auch des Gestaltungsbeirats, pflichtete bei: „Die Maßstäblichkeit stimmt hier nicht mehr.“ Die Länge sei auf das vorgegebene Maß zu reduzieren, und auch die Höhe sei so zurückzunehmen, dass das Gebäude nicht in Konkurrenz zum Vogthaus tritt: „Wir müssen hier die Reißleine ziehen und sagen, das ist zu lang und zu hoch.“ Die Arbeit seiner Kollegen sei sehr gut, schieße aber über das Ziel hinaus.

Ein anderes Problem war die Fragestellung, was zuerst festgelegt sein soll: die Dimension des Gebäudes oder das benötigte Raumprogramm. Laut Bürger­meister Stefan Wörner wollte die Stadtverwaltung zunächst erfahren, „was da überhaupt städtebaulich möglich ist“. Erst danach - wenn also die vorgesehen Kubatur feststeht - hätte sich die Verwaltung Gedanken gemacht, welche Arbeitsplätze in dem Neubau untergebracht werden sollen.

Die Findungsphase geht nun in eine neue Runde. Die Architekten sind aufgefordert, ihren Entwurf zu überarbeiten. Sophie Wolfrum, emeritierte Professorin für Stadt- und Regionalplanung sowie Vorsitzende des Gestaltungsbeirats, stellte fest: „Es zeigt sich, dass die vorgeschlagene Kubatur zu groß ist.“ Das geplante Gebäude sei in der Länge wie auch in der Firsthöhe noch zu reduzieren.

Das Erbe ist zu erhalten

Wehe, wenn sie losgelassen: So schrieb einst Friedrich Schiller über die Elemente und die Verheerungen, die sie anrichten können. Konkret geht es um eine Feuersbrunst, wie sie 1690 Kirchheim vernichtet hat. Verheerend können aber auch ganz andere Elemente wirken: Wenn manche Stadtplaner und Architekten meinen, sich austoben und das Maximum ausloten zu müssen, können sie - trotz prinzipiell konstruktiver Arbeit - das gewachsene Erbe einer Innenstadt zerstören und zunichte machen.

So gut wie auf des Feuers „Himmelskraft“ könnten die Schillerworte „Wachsend ohne Widerstand“ auch auf die Planungen für den Neubau Marktstraße 1 + 3 in Kirchheim zutreffen - gäbe es nicht doch massiven Widerstand, der sich sogar mitten im Gestaltungsbeirat regt.

Angefangen hat es mit dem fachlich wie sachlich begründeten Widerstand seitens des Denkmalschutzes: Kirchheim war nur eine von zwei Städten, die im 16. Jahrhundert in den Rang einer württembergischen Landesfestung erhoben wurden. Im Gegensatz zur anderen Stadt - Schorndorf - hat sich Kirchheim aber noch sehr viel mehr Erinnerungen an diese Zeit und an diese Funktion bewahrt. Und was sich als historisches Erbe so lange erhalten hat, sollte man zu Beginn des 21. Jahrhunderts keinesfalls leichtfertig verspielen.

Aber auch die Mitglieder des Gestaltungsbeirats selbst waren sich einig, dass die derzeit angestrebte Dimension des Neubaus deutlich überzogen ist. Auch hier sei an Schiller erinnert, wo es im „Wallenstein“ heißt: „Vor Tische las man‘s anders.“ Der aktuelle Entwurf nämlich hält sich schlichtweg nicht an die vereinbarten Ausmaße. Er rückt viel weiter in den Rollschuhplatz hin­ein als jemals vorgesehen.

Einen Pluspunkt hat die jüngste Version immerhin: Sie hat eine deutlich gesenkte Traufhöhe erhalten. Gleiches muss jetzt auch noch mit der First­höhe geschehen. Die beiden Stangen, die die Firsthöhe anzeigen, ragen viel zu weit in den Himmel empor. Die Reduzierung der Firsthöhe ist eine der Hausaufgaben des Gestaltungsbeirats für die planenden Architekten.

Wer aber hätte im Zweifelsfall das letzte Wort? Weder die Stadtplanung noch die Inves­toren oder die Architekten. Auch der Gestaltungsbeirat hat nur eine beratende Funktion. Am Ende lassen sich die maximal zulässigen Dimensionen in einem Bebauungsplan festschreiben. Und diesen verabschiedet der Gemeinderat. Der wiederum hat bereits im Mai erkennen lassen, dass das neue Gebäude nicht so stadtbildprägend werden soll wie das Rathaus oder die Martinskirche. Recht hat er!

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