Kirchheim

„Das Geheimnis ist gelüftet“

Martin Kieß und seine Schüler fügen die Puzzlesteine des Castel del Monte zu einem Bild zusammen

Martin Kieß und seine Schüler sind sich sicher: „Wir haben das Geheimnis um Castel del Monte, das berühmte Bauwerk Friedrichs II., entschlüsselt.“

„Das Geheimnis ist gelüftet“Info
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Kirchheim. Nicht zu bremsen ist Martin Kieß, wenn er über den Stauferkaiser Friedrich II. im Allgemeinen und über Castel del Monte im Besonderen spricht. Dass er und seine mathematikbegeisterten Schüler den Code von Castel del Monte geknackt haben, davon ist er schon lange überzeugt. Jetzt ist er sicher, die Beweise dafür vorlegen zu können.

Endlos scheinende Zahlenreihen haben die Schüler des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums ausgewertet, selbst erstellt, anstrengende Reisen nach Süditalien unternommen, zig Gebäude und Kirchen penibel mit dem Theodolit vermessen, sich mit Kunstgeschichte und der Denkweise von einst befasst – und deshalb keine Berührungsängste hinsichtlich der Astrologie. „Im Mittelalter waren die Astrologen die am höchsten geachteten Wissenschaftler. Die Astronomen waren ihre Zuarbeiter. Sie hatten die Zahlen zu liefern, die die Astrologen dann benutzten, um in die Zukunft zu schauen“, ist der Lehrer überzeugt.

Mit diesem, über Schülergenerationen gesammelten interdisziplinären Wissen wagte sich die muntere, in 15 Jahren stetig wechselnde Truppe an Theorien, die an Universitäten nicht unbedingt gelehrt werden. Begonnen hat alles mit mittelalterlicher Symbolik – in Stein gehauene Zeichen, die sich bis heute an und in Kirchen erhalten haben. Mit diesem Wissen ausgestattet, nahm Martin Kieß die nächste Herausforderung in Angriff: die Erforschung von Castel del Monte, dem berühmtesten Bauwerk von Stauferkaiser Friedrich II.

Friedrich II. war nach Ansicht von Martin Kieß besonders an Astrologie interessiert, da er den besten seiner Zunft zu dieser Zeit, den Schotten Michael Scotus, an seinen Hof holte. Für den Lehrer lag es deshalb nahe, unter diesen Gesichtspunkten Castel del Monte genauer unter die Lupe zu nehmen. Er und seine Schüler nutzten den genau vermessenen Grundriss des Kastells mit seinen regelmäßigen Achtecken und kombinierten sie mit Planeten, die als göttliche Himmelszeichen galten. So fanden sie für den 26. Dezember 1241, dem 47. Geburtstag von Friedrich II., eine Konstellation, in der Sonne, Mond, Venus, Mars, Saturn und Jupiter sechs der acht Ecken eines gleichmäßigen Achtecks darstellten. In die beiden offenen Stellen ordneten sie die in der Astrologie wichtigen Punkte Aszendent und Glückspunkt an.

Nun hieß es, Beweise für die Theorie zu finden. Die fanden nicht nur im stillen Kämmerlein statt, mehrfach vermaßen die Schüler unter diesen Gesichtspunkten das Kastell in der heißen Sonne Apuliens. Nichtsdestotrotz war die Recherche historischer Quellen eine wichtiger Bestandteil der kollektiven Arbeit. So fanden sie he­raus, dass Friedrich II. im Besitz eines außergewöhnlichen astronomischen Geräts war, das er mit großer Sicherheit von Sultan al-Kamil geschenkt bekam, zum Dank für einen friedlich verlaufenen Kreuzzug ins Heilige Land. Der Orient war im 13. Jahrhundert dem Okzident in vielen Bereichen weit überlegen, und so sorgte das Gerät in Europa für Aufsehen. Drei Berichte sind den Kirchheimern über dieses Wunderwerk der Technik bekannt. Einer davon stammt von Konrad de Fabaria, einst Abt von Sankt Gallen, der sie als „astronomischen Himmel, golden und mit Edelsteinen als Sterne geschmückt, auf dem sich die Planeten bewegen“ beschreibt und erwähnt, dass Friedrich II. dieses Planetarium nach seinem Sohn Konrad als seinen teuersten Besitz ansah. Überliefert ist auch, dass Friedrich II. im Jahr 1232 von einer Gesandtschaft des damaszenischen Sultans al-Ashraf, Bruder von al-Kamil, ein wertvolles Geschenk überbracht worden war.

Wann genau Castel del Monte erstellt worden ist, steht für Martin Kieß nun fest. Ein italienischer Forscher hat einen lateinischen Text mit interessantem Inhalt bezüglich der Kirchheimer Forschung übersetzt. Der Adressat des Dokuments war Riccardo de Montefuscolo, Beamter der nördlich von der Terra di Bari gelegenen Landschaft Capitanata, in der sich ein Steinbruch für Korallenbruchstein befand, beim Monte Gargano, etwa 100 Kilometer von Castel del Monte entfernt. Mit Eile solle das Material geliefert werden. „Dieses Schreiben über die Lieferung des Baumaterials auf den Hügel ist die einzige Urkunde, die im Zusammenhang mit Castel del Monte steht, und es ist auf den 29. Januar 1240 datiert“, erklärt Martin Kieß. Er nimmt an, dass etwa von April bis Martini die damals übliche Bauzeit war und das Kastell bis zum 47. Geburtstag Friedrichs am 26. Dezember 1241 fertiggestellt sein sollte. „Innen besteht Castel del Monte aus hellem Marmor und rotem Korallenmarmor – und der rötliche Stein stammt aus diesem besagten Steinbruch“, so der Lehrer, der deshalb davon ausgeht, dass die Rohbauarbeiten Anfang 1240 schon abgeschlossen waren.

Diese Theorie sieht er untermauert durch einen weiteren Text: Das Kastel wird in Reparaturvorschriften für die Jahre 1243/44 genannt und drei Städte – Bitonto, Bitetto und Monopoli – verpflichtet, dafür aufzukommen. „Das spricht dafür, dass Castel del Monte also im Wesentlichen fertig war“, ist sich Martin Kieß sicher, der ferner von einer Bauzeit von etwa neun Jahren ausgeht.

Als Drittes führt er an, dass Friedrich II. in den Jahren 1239/40 Krieg führte und es eine Art Baustopp gab, von denen 20 Kastelle genannt sind. Castel del Monte zählte jedoch nicht dazu. Das Gegenteil war der Fall, wie das Schreiben an den Steinbruch-Justiziar beweist. „Friedrich II. wollte, dass das Gebäude unbedingt fertiggestellt wurde, und dafür gab es einen höheren Grund: die besondere Planetenkonstellation“, sagt der Mathematiker und bringt das Schaltjahr ins Spiel und somit die Genauigkeit, denn diese Jahre werden um einen Tag verlängert, weil die Sonne „zu schnell“ läuft. 1240 war ein Schaltjahr. „Wir gehen davon aus, dass die Orientierung des Gebäudes 1233 am 39. Geburtstag des Kaisers stattfand und 1234 mit dem Bau begonnen wurde“, erklärt Martin Kieß. Dieser Tag weist eine weitere Besonderheit auf: „Das ist einmalig. Im Mittelalter gab es nur einen Herrscher, der seinen Geburtstag öffentlich gefeiert hat – und auch nur dieses eine Mal“, verdeutlicht er. Per Dekret hat Friedrich II. angeordnet, im gesamten Herrschaftsbereich seinen Geburtstag zu feiern. Es war sogar Wein für die Untertanen auszuschenken, was damals absolut unüblich war. „Die Kaiser des Mittelalters wussten in der Regel nicht mal selbst, an welchem Tag sie geboren wurden, nur bei Friedrich II. wissen wir es – und das ist der Clou“, sieht Martin Kieß seine Theorie bestätigt.

Die Planetenkonstellation vom 26. Dezember 1241 ist äußerst selten, und Friedrich II. sah dies als ein Zeichen, das von Gott kam. „In den vergangenen 3 000 Jahren war es 20 Mal der Fall“, verdeutlicht Martin Kieß. Die Zahl acht hat nach alter Lesart mit Christus und der Geburt beziehungsweise Taufe zu tun. „Es gibt weitere Achtecke – das berühmteste ist das von Betlehem“, führt der Lehrer weiter aus. So machten er und seine Schüler sich auf die Suche nach weiteren Achtecken und stießen dabei auf eine noch seltenere Architekturform: das Brückentor von Capua, ein regelmäßiges Neuneck. Auch diesem Bauwerk maß Friedrich II. besondere Bedeutung zu, war es doch das Eingangstor zu seinem Reich, denn nördlich davon lag die Grenze zum Kirchenstaat. Mitten durch das Neuneck verläuft die Via Appia, die alte Römerstraße von Rom nach Brindisi. Die Straße kappt quasi die regelmäßige Geometrie. Der Baubeginn ist in einem Dokument erwähnt und auf 1234 datiert. „Tatsächlich haben wir für dieses Jahr eine Konstellation gefunden, in der die Gestirne ein regelmäßiges Neuneck bilden – im Grunde genau wie bei Castel del Monte“, erklärt Martin Kieß, weshalb er überzeugt ist, dass diese Bauten erst durch den orientalischen Apparat ermöglicht wurden.

 

Der Sender Regio TV hat einen Kurzfilm über das Castel-del-Monte-Projekt der Kirchheimer Schüler gedreht. Die Ausstrahlung ist für den 24. beziehungsweise 25. September geplant.

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