Kirchheim

Das geistliche Wort

Als Antwort auf die Frage „Was ist der Unterschied zwischen evangelisch und katholisch?“ bekomme ich manchmal zu hören: Wir als Evangelische haben keinen Papst und beten nicht zu den Heiligen. Das ist dann zwar richtig. Aber weil nur erklärt wird, was die anderen haben und „wir“ nicht haben, fehlt die positive Aussage. Manchem ist schon die Frage an sich suspekt, denn in heutiger Zeit ist Toleranz angesagt und nicht Abgrenzung. Oder verdeckt da jemand nur seine eigene Unwissenheit durch gespielte Gleichgültigkeit?

Evangelisch sein hat etwas mit Evangelium zu tun. Das sagen nicht nur die sich ähnelnden Worte. „Eu- angelion“, ein griechisches Wort, bedeutet „gute Nachricht“. So heißt es in den ersten Sätzen des Buches, das Markus verfasst: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ Er trägt Worte von Jesus zusammen und entfaltet in 16 Kapiteln Erzählungen über ihn, um den Lesern die gute Botschaft von der Liebe Gottes nahezubringen. Diese Verkündigung ist nur zu erfassen, wenn das Leben Jesu, das am Kreuz endete, in den Blick kommt. Dann ist zu erfahren, dass er um unserer Sünde willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt ist. Die vier Verfasser dieser Berichte - Matthäus, Markus, Lukas und Johannes - nennen ihre Bücher „Evangelium“. Und über dies hinaus wird das ganze Neue Testament zu einer guten Nachricht, die von der Sendung Jesu durch Gott und seine Wiederkunft am Ende der Zeiten predigt.

Für Martin Luther war zunächst die Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache ein Anliegen. Bei einem unfreiwilligen Aufenthalt in seinem Versteck als Junker Jörg auf der Wartburg widmete er sich 1521 dieser Aufgabe. In nur elf Wochen übertrug er den „Urtext“ aber nicht Wort für Wort, sondern suchte nach dem Sinn des Evangeliums, um es selbst dem gemeinen Mann in verständlicher Sprache darzubringen. Mit großem Talent wurde er zum Wortschöpfer, erfand Metaphern und prägte damit eine gemeinsame deutsche Schrift- und Literatursprache. In Konsequenz seiner Theologie, dass sich im Alten Testament, also der hebräischen Bibel, bereits die gesamte Wahrheit des Neuen findet, setzten sich in den Folgejahren die Wittenberger Reformatoren für eine Gesamtausgabe der Bibel ein. (Sie erschien erstmals 1534 und wurde von Luther im Verlauf des nächsten Jahrzehnts immer wieder überarbeitet.) „Das Neue Testament ist nicht mehr als eine Offenbarung des Alten, gleich als wenn jemand zum ersten einen geschlossenen Brief hätte und danach aufbräche.“ Der erste Teil der Bibel wird also durch den zweiten Teil erschlossen. Das Evangelium ist, nach Luther, schon von den ersten Seiten ab in allen Büchern der Bibel zu finden.

Evangelisch sein heißt, mit und von der Bibel - dem Evangelium, der guten Nachricht - und ihrer Botschaft her zu glauben und zu leben.

Franz Keil Pfarrer von Sankt Ulrich, Kirchheim

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