Kirchheim

Das geistliche WortDas große Jubiläum

Nach einer langen Zeit der Vorbereitung ist es nun endlich so weit: Das Reformationsjubiläum wird weltweit an vielen Orten mit Gottesdiensten eröffnet. Auch in Kirchheim und Umgebung gibt es ein vielfältiges Programm anlässlich des Gedenkens an den Thesenanschlag von Martin Luther vor 500  Jahren. Das Leben und Wirken dieses Mönches aus Wittenberg wird neu ins Licht gerückt. Ohne Zweifel: Dieser Mann schrieb Geschichte. Und heute? Hat Luther uns im 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen? Ist das Jubiläum nur ein Erinnern an das damalige Geschehen oder inspiriert beziehungsweise fordert es auch uns heraus?

Zuerst: Das Entscheidende für Luther war die Erkenntnis, dass der Mensch nur durch die erfahrbare Gnade vor Gott Gerechtigkeit erlangen kann. Damals eine Botschaft mit Sprengkraft – heute interessiert sich kaum einer mehr dafür. Luther sah mit eigenen Augen in welch einer Unfreiheit die Menschen lebten, die sich Christen nannten. Ihr Glaube war mit Angst durchzogen und die kirchlichen Machthaber missbrauchten diese Angst für ihre Zwecke. Gott ist ein liebender Gott, der um die Herzen der Menschen wirbt und bei dem Gnade und Vergebung ist. Diese befreiende Botschaft brachte Luther unters Volk. Nicht nur in Form von Predigten und vielen Schriften, sondern vor allem durch die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache. Brauchen wir heute noch die Botschaft der Gnade? Absolut. Die Abwesenheit von Gnade nennt man Gnadenlosigkeit. Wie ist das in unserer Welt, in unserer Gesellschaft? Immer schön die Fassade aufrecht halten, ja keine Schwäche zeigen. Es könnte sonst gegen einen verwendet werden. Ohne Gnade entfaltet sich kein Leben. Luther entdeckte, dass Gott ein Gott der Gnade ist. Wer in sein Licht kommt, wird nicht beschämt, sondern erfährt Vergebung und Freiheit. Hören wir doch auf, gnadenlos mit anderen und mit uns selbst zu sein. In der Begegnung mit Gott dürfen wir wahrhaft Gnade erleben.

Zum Schluss: War Luther ein Held? Ja sicher, aber er war auch ganz Mensch und daher nicht frei von Ängsten, inneren Kämpfen und Versagen. Was mich besonders an ihm fasziniert ist, dass er ein Mann war, der nicht einfach dem „main­stream“ folgte, sondern klar und deutlich seine Überzeugungen vertrat. Trotz Druck und Bedrohung knickte er nicht ein. Auch unsere Gesellschaft braucht Menschen, die Missstände aufzeigen und Alternativen anbieten. Auch wenn Gegenwind einem ins Gesicht bläst. Aktuell gilt es zum Beispiel, den verallgemeinernden Verunglimpfungen gegenüber Flüchtlingen entgegenzutreten. Wer dazu schweigt, darf sich nicht wundern, wenn Stimmungen aufkommen, die das Miteinander in unserer Stadt und Region negativ beeinflussen. Im Umgang mit anderen, insbesondere mit jüdischen Mitbürgern, hat Luther leider ungute Spuren hinterlassen. Sein Antisemitismus hatte Auswirkungen auf manche Verfolgungen, unter denen das jüdische Volk leiden musste. Er war eben auch ein Mensch mit Fehlern, der auf die Gnade Gottes angewiesen war.

Ich wünsche es uns, dass wir uns durch die vielfältigen Veranstaltungen in diesem Jubiläumsjahr auf besondere Weise inspirieren lassen.

Günter Öhrlich Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Kirchheim

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