Kirchheim

„Das in Deutschland war kein Lockdown“

Corona Die Kirchheimerin Mareen de Beyer hat auf Mallorca die rigorosen spanischen Maßnahmen erlebt. Sie meint: Viele Deutsche jammern auf hohem Niveau. Von Thomas Zapp

Mareen de Beyer mit Mann Tom und Sohn Liam: Ihre Finca bei Llucmajor auf Mallorca haben sie sieben Wochen lang nur zum Einkaufen
Mareen de Beyer mit Mann Tom und Sohn Liam: Ihre Finca bei Llucmajor auf Mallorca haben sie sieben Wochen lang nur zum Einkaufen und Müll wegbringen verlassen. Foto: pr

Anfang der Woche hat Spanien die „Phase 2“ der Lockerungen der Corona-Maßnahmen eingeleitet: Die „Ausgehzeiten“ für Ältere, Kinder und den Rest werden aufgehoben. Für Mareen de Beyer bedeutet das außerdem: Sie kann mit ihrer Familie wieder an den Strand gehen. „Da waren wir noch gar nicht und haben es auch noch nicht geplant“, sagt sie und lacht über das Klischee des am Strand liegenden Mallorca-Auswanderers. Viel bedeutender war für die Kirchheimerin der Wechsel von „Phase 0“ auf „Phase 1“ am 11. Mai: „Da konnten wir uns endlich wieder mit Freunden auf der Plaza treffen“, erzählt die 39-Jährige. Das sei total schön, aber auch ein komisches Gefühl gewesen: „Man fühlte sich wie in einem Traum, alles wirkte irreal“, sagt Mareen de Beyer, die seit sechseinhalb Jahren mit ihrem Mann Tom und Sohn Liam auf der Lieblingsinsel der Deutschen wohnt.

Zuvor durfte sie sieben Wochen lang ihre Finca in der Nähe von Llucmajor im Süden der Insel nur zum Einkaufen, zum Müll wegbringen oder für Arztbesuche verlassen. Sie selbst wurde auf einer „Mülltour“ einmal von der Polizei kontrolliert, wurde aber durchgewunken, als die ihre Müllbeutel sahen. Auch als am 4. Mai die „Phase 0“ begann, konnte sie sich nur einen Kilometer vom Haus entfernen. Ihr bald 13-jähriger Sohn Liam musste komplett zu Hause bleiben. Für ihn fiel neben der Schule auch das Fußball-Training aus. „Die Kinder waren überhaupt nicht ausgelastet“, erzählt sie. Aber wenigstens konnte er die vier Wände verlassen, was viele seiner Freunde nicht konnten. Für die Mutter war das ein Privileg: „Wir sind dann ums Haus gelaufen aber irgendwann wurde das monoton.“ Liam bekommt seine Aufgaben für die Schule via Google Classroom. „Das geht einigermaßen, auch wenn ich es relativ wenig finde“, sagt sie. Und bis Anfang September wird es noch so weitergehen. Denn vor Beginn der dreimonatigen Sommerferien werden sich die Schultore in Spanien nicht mehr öffnen.

Mareen de Beyer arbeitet derzeit im Homeoffice für die deutschsprachige „Inselzeitung“, privat hat sie sich aber überwiegend einen spanischen und internationalen Freundeskreis aufgebaut. Obwohl die harten Auflagen vielerorts als Zumutung empfunden wurden, hielten sich die Spanier zum Großteil daran. „Da gibt es eine Mischung aus Obrigkeitshörigkeit und zivilem Ungehorsam“, beschreibt sie die Bewohner ihrer Wahlheimat. Wenn es um das kritische Hinterfragen der Politik geht, erntet sie oft ein Achselzucken. „Es lo que hay“, hört sie dann oft: „So ist es halt.“ Mit Bedauern nimmt sie aber auch das Erstarken der rechtspopulisitischen Partei Vox wahr, die kürzlich mit einem Autokorso den Verkehr in der Inselhauptstadt Palma lahmlegte. „Die nutzen Corona als Plattform, um Krawall zu machen. Das ist sehr bedenklich“, sagt sie.

Der Blick nach Deutschland und den dortigen Anti-Corona-Protesten hat sie zuweilen verwundert. „Verglichen mit unserer Situation war das Jammern auf höchstem Niveau. Wenn in Deutschland von Lockdown gesprochen wird, ärgert mich das. Das in Deutschland war kein Lockdown“, sagt sie. Die Deutschen hätten ihre Häuser und Grundstücke verlassen können. Sie selbst hat für die rigorosen Maßnahmen der spanischen Regierung Verständnis und glaubt speziell für Mallorca, dass sie Leben gerettet haben. „Es gibt hier nur eine bestimmte Anzahl von Betten, und wir befinden uns auf einer Insel. Wenn die Situation nur annähernd so schlimm wie in Madrid gewesen wäre (allein in der Region Madrid gab es mehr als 8900 Corona-Tote, die Red.), hätten wir hier ein Riesenproblem gehabt“, sagt sie.

Neben psychologischen wird der Lockdown auch massive wirtschafltiche Folgen für Spanien haben. „Wirtschaftlich sieht es hier katastrophal aus“, sagt sie. Von vielen Freunden hat sie mitbekommen, wie schleppend das Kurzarbeitergeld ausgezahlt wurde und andere Einmal-Hilfen sich enorm verzögerten. „Hier sind schon die Anträge unheimlich kompliziert.“

Nun soll sich Anfang Juli die Insel wieder für Touristen öffnen. Viele können es nicht erwarten. „Das Kuriose ist, dass schon jetzt regelmäßig Ferienflieger aus Nordeuropa landen. Das dürften laut Gesetz nur Hausbesitzer sein, die nach der Landung zwei Wochen in Quarantäne bleiben müssen. Im Ort sieht man aber schon überall Touristen“, stellt Mareen de Beyer fest. Auch auf Mallorca hält die Normalität langsam wieder Einzug, in der Realität manchmal schneller als öffentlich angekündigt.

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