Kirchheim

„Das ist ein Lichtblick“

Corona Alle warten auf die Impfung – auch die Mitarbeiter und Bewohner der Lebenshilfe Kirchheim. Doch wann die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung endlich dran sind, ist ungewiss. Von Julia Nemetschek-Renz

Teamleiterin Sina Kreiselmeier und die WG-Bewohner Katrin Lowski und Freddy Köhler warten auf die Impfung.Foto: Julia Nemetschek
Teamleiterin Sina Kreiselmeier und die WG-Bewohner Katrin Lowski und Freddy Köhler warten auf die Impfung. Foto: Julia Nemetschek-Renz

Chris Eckstein ist Heilerziehungspfleger im Quartier 107°. Zwölf Menschen mit Behinderung leben hier in einer Wohngemeinschaft. Für den 22-Jährigen bedeutet Corona: privat nur noch seine Freundin zu sehen, einzelne Freunde höchstens mal kurz draußen zu treffen. So groß ist seine Sorge, das Virus in die Wohngruppe zu tragen, zu den Menschen, die einen Herzfehler haben oder Diabetes und damit ein besonders hohes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Den ganzen Dezember über war das Quartier in Quarantäne, weil einige Bewohner positiv getestet wurden. „Zum Glück ging es allen gut, aber das war schon ultra fordernd“, erzählt Chris Eckstein. Und zwar noch nicht mal deshalb, weil es lästig gewesen sei, in Schutz-Vollmontur zu arbeiten, mit den Bewohnern nur telefonieren zu können oder über die Balkon-Geländer zu reden. Seine größte Sorge war, dass die Menschen richtig krank werden, er sie pflegen muss und sie leiden. „Die Impfung ist jetzt einfach der Lichtblick, den wir haben“, sagt er.

Viele haben ein hohes Risiko

45 Menschen leben in den Wohnheimen der Lebenshilfe Kirchheim. Viele von ihnen haben durch Vorerkrankungen ein hohes Risiko für schwere Corona-Verläufe. Und Abstandhalten ist in der WG nicht immer möglich: weil Pflege mit drei Metern Abstand nicht machbar ist und Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht immer verstehen, wann sie wem nicht zu nahe kommen dürfen. Ein Corona-Ausbruch könnte also verheerende Folgen haben, ist die Angst der Mitarbeiter. „Ich hatte die Hoffnung, dass es mit den Impfungen schneller geht“, sagt Sina Kreiselmeier, Teamleiterin im Quartier 107°. Doch noch immer ist nicht klar, wann die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung dran sind.

„Ich hatte eigentlich mit Ende Februar gerechnet“, sagt Benjamin Langhammer, Bereichsleiter Wohnen bei der Lebenshilfe Kirchheim. „Aber ich habe noch nichts vom Sozialministerium gehört. Ich weiß noch nicht einmal, ob ein mobiles Impfteam zu uns kommen wird.“ In Baden-Würt­temberg stehen die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Stufe zwei der Impf-Prioritäten­liste des Landes. Die Bundesvereinigung Lebenshilfe fordert eine Aufnahme in Stufe eins, gleich den Altenpflegeheimen.

„Es läuft alles so schleppend“, sagt auch Irmgard Schwend. Ihr Sohn hat das Down-Syndrom und lebt im Wohnheim der Lebenshilfe Kirchheim in der Saarstraße. Das Warten bedeutet für die Mutter, dass sie weiter mit ihrer größten Angst leben muss. „Für mich wäre es eine Katastrophe, wenn mein Sohn so schwer erkranken würde, dass er in die Klinik muss.“ Denn das würde bedeuten, dass er allein wäre im Klinik-Alltag, womöglich auf der Isolierstation. „Er kann nicht nachfragen, sich nicht zurecht finden, er würde Panik bekommen.“ Einer Bekannten von ihr ist es so ergangen: Ihr erwachsenes Kind mit Down-Syndrom war schwer an Corona erkrankt, die Mutter durfte ihren Sohn nicht in die Klinik begleiten. Sie hat ihn kurz entschlossen wieder mitgenommen, er wurde zu Hause wieder gesund. Aber was, wenn das nicht gut gegangen wäre? Diese Frage treibt Irmgard Schwend um.

Im Quartier 107° ist es Abend geworden, im Fernsehen laufen die Nachrichten. Gleich morgen früh wird sich Freddy Köhler wieder die neuen Corona-Zahlen anschauen und alle informieren. Ihm ginge es eigentlich gut, erzählt er, nur das ständige Testen fände er unangenehm. Neben ihm schaukelt seine Mitbewohnerin Katrin Lowski. Wie sie das sieht mit der Impfung? Sie zieht ihren T-Shirt-Ärmel hoch und zeigt auf ihren Oberarm. „Da hab ich schon Angst vor, ich mag Spritzen nicht so.“ Sie grinst. Aber so sei es halt. Langsam fände sie es nämlich einfach schade, niemanden richtig treffen zu können.

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