Kirchheim

Das Konzert, das lange in Erinnerung bleibtInfo

Ein Herpesbläschen setzt den Trompeten-Virtuosen Ludwig Güttler mitten im Vortrag außer Gefecht

Kirchheim. Zum Meisterkonzert mit dem Trompeter Ludwig Güttler und seinem Orgelbegleiter Friedrich Kirch­eis war in die Martinskirche Kirchheim eingeladen worden. Vergessen

der Titel Meisterkonzert, mit dem die Agentur Bubu aus Solingen hausieren geht, vergessen auch das Nietzsche-Zitat im Programmheft „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ – unvergessen wird das Konzert selbst bleiben – nicht unbedingt wegen der Musik, sondern wegen dem anrührenden Erlebnis, wie zwei Musiker, die ihre besten Jahre hinter sich haben, sich den Herausforderungen des Konzertbetriebes stellten. Gut, eben dies ist die Lebensaufgabe, besonders von Güttler, der mit rund zwei Konzerten pro Woche für einen inzwischen 73-Jährigen mehr als voll ausgelastet ist. Wenn heute noch Zuhörer massenhaft in seine Konzerte strömen, wie auch in Kirchheim, dann verdankt es die Ausnahmeerscheinung Güttler dem enormen Bekanntheitsgrad, in Jahrzehnten erworben durch Konzerte, CDs und spektakuläre Kulturengagements – Dresdner Frauenkirche.

Genau die „best ager“ aus der Zeit seiner größten Erfolge waren auch in die Martinskirche gekommen. Und sie durften zu Recht erwarten, auch bei der Orgelbegleitung auf ihre Kosten zu kommen. Welches Instrument, wenn nicht die Martinsorgel, hat den unerschöpflichen Fundus von Klangfarben, die bei der Begleitung eines Trompetenvirtuosen lustvoll aufgeboten werden können. Leider hat Friedrich Kircheis – vor über 40 Jahren Bach-Preisträger in Leipzig – die hoch gespannten Erwartungen seiner Zuhörer nicht annähernd erfüllen können. Zwar zeigte er sich als sehr zuverlässiger Begleiter; das war aber auch schon alles. Von partnerschaftlichem und inspiriertem Musizieren keine Spur! Sobald der Trompetenglanz pausierte, verkam die Musik zu drögem Abspielen von Noten. Wie konnte das nur geschehen? Eine Ursache mag vielleicht sein, dass die Martinsorgel bei der letzten Renovierung derart schwergängig gemacht wurde, dass man sie eher schlagen muss als spielen. Selbst ein über 75 Jahre alter Tastenlöwe vermag das nicht so ohne Weiteres wegzustecken. Dazu kommt: Kircheis ist in einer Orgelspieltradition groß geworden, die unter Profis liebevoll ironisch als „Achtzehnhundertleipzig“ zitiert wird. So klang auch Kircheisens Spiel: gewissenhaft, folgsam, aber unerträglich verstaubt und todlangweilig. Dass man in diesem Stil aus der Orgelmusik durchaus Funken schlagen kann, war nur an zwei Stellen ansatzweise zu erleben, jeweils zum Finale der zwei großen Orgelwerke von Buxtehude und Bach, fis-Moll und h-Moll. Da konnte sich der Organist aus seiner Lähmung befreien, aus dem erdrückenden Schatten heraustreten, der ihn in Kirchheim umgeben musste. Denn in der Martinskirche wirkten seit gut einem halben Jahrhundert famose Organisten, funkelnde Musikerpersönlichkeiten, stilistisch auf der Höhe der Zeit. Die Ahnenreihe von Manfred Brandstetter bis Ralf Sach muss für einen Gastorganisten geradezu furchterregend sein, vor allem für jemand, der die Pranke von Samuel Kummer in der Dresdner Frauenkirche kennengelernt haben muss. Immerhin ist es dem wackeren Friedrich Kircheis nicht gelungen, den Charme der Martinsorgel ganz vergessen zu machen. Obwohl zumeist dick und nicht besonders geschmackvoll registriert, blitzte immer wieder die unverwechselbare Schönheit der großen Rensch-Orgel auf.

Entsprechend – nun zurück zu Ludwig Güttler – dem Trompetenspiel, das nach etwas mühevollem Anfang immer wieder zu jenen magischen Momenten fand, um derentwillen der Künstler seit Jahrzehnten so begehrt ist. Doch dann der Schock: Mitten im Stück musste Güttler absetzen. Ein Herpesbläschen an der aufgeschwollenen Lippe hatte ihn außer Gefecht gesetzt. Lähmendes Entsetzen in der Kirche! Da, ein Samariter unter den Zuhörern. Er stieg zur Empore hoch und verabreichte dem angeschlagenen Virtuosen ein schnell wirkendes Medikament. Das Konzert konnte weitergehen. Zunächst mit dem zweiten Trompeter Volker Stegmann, der nun souverän zeigen konnte, wie es hätte klingen können, wenn Güttler mit heilen Lippen nach Kirchheim gekommen wäre. Bravissimo! Zu guter Letzt hatte sich der Maestro so weit erholt, dass er im triumphalen Schlussjubel – von Henry Purcell – endlich zeigen konnte, weshalb es so viele Zuhörer in sein Konzert gezogen hatte. Standing ovations!

Wegen des nicht zufriedenstellenden Konzertverlaufes, sowohl für Ludwig Güttler als auch für das Publikum, möchten Ludwig Güttler als Künstler und Bubu-concerts als Veranstalter das Konzert in der Martinskirche wiederholen. Die Karten behalten ihre Gültigkeit, der neue Termin wird unter www.bubu-concerts.de und www.guettler.com so bald als möglich bekannt gegeben, ebenso im Teckboten.

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