Kirchheim

„Das Kreditsystem ist in Gefahr“

Konzert Das Pop-Oratorium „Luther“ wurde im ZDF als Megaprojekt mit tausenden Sängern bekannt. Für Kirchheim wird es abgespeckt. Die Wirkung bleibt. Von Peter Dietrich

Von wegen verstaubt: Als Luther im April 1521 auf dem Reichstag in Worms erscheint, ist Kaiser Karl V. 21 Jahre jung. im Oratori
Von wegen verstaubt: Als Luther im April 1521 auf dem Reichstag in Worms erscheint, ist Kaiser Karl V. 21 Jahre jung. im Oratorium tritt er als arroganter junger Schnösel mit Selfie-Sucht auf. Foto: Peter Dietrich

Das hätte sich Martin Luther sicher nie träumen lassen - ein Pop-Oratorium über ihn, fünf Jahrhunderte später. Eine solche Zusammensetzung der Künstler bestimmt auch nicht: Für die Aufführung in der Kirchheimer Zionskirche taten sich der weltliche Chor „Vocal Dream“ aus Schwendi mit dem katholischen Kirchenchor Schwendi und dem evangelischen Kirchenchor aus Wain zusammen. Der jüngste Mitwirkende, der den jungen Luther spielte, war zwölf Jahre jung, der älteste Sänger zählte 70 Jahre.

Proben starteten an Ostern

Die Proben der Mitwirkenden begannen zwischen Ostern und Herbst 2017, dann folgten zwei große Aufführungen mit 120 Sängern, einer Band mit 20 Musikern und zusammen 1 400 Zuhörern. Durch persönliche Kontakte einer Solistin kam es schließlich zur Einladung in der Kirchheimer Zionskirche. Aus Kostengründen fielen die Funkmikrofone weg, doch die Solisten bewiesen starke Stimmen. Wie etwa Max Albrecht als Dominikanermönch Faber der seine Klage über das „wilde Schwein“ Luther herausschrie, das „im Weinberg des Herrn im Schmutz wühlt“ - das war gänsehauttauglich. Dabei hatte Max Albrecht erst eineinhalb Wochen vor der Aufführung von seiner Rolle erfahren, er war für einen anderen erkrankten Sänger eingesprungen. Albrecht ist ein ehemaliger Sänger von „Vocal Dream“, der nun in Freiburg Musik studiert.

Chorleiterin Sonja Walter ist Musiklehrerin am Gymnasium in Ochsenhausen, ein Teil der Sänger sind ehemalige Schüler. Musicalerfahrung hatte nur ein Teil der Solisten, doch sie rissen die anderen mit, die Kombination von Schauspiel und Gesang klappte bestens. Textaussetzer kamen vor, waren aber selten. Die Requisiten wurden intelligent eingesetzt, alles orientierte sich eng an den bekannten Mega-Aufführungen. Das ging hin bis zum schnöseligen Kaiser, den Dennis Lang großartig umsetzte - und dem ironischen Ablassprediger, ebenfalls hervorragend verkörpert von Dario Klawitter. Marco Huberle gab einen zuerst vom Zweifel geplagten, später glaubensstarken Martin Luther. Die ebenso guten weiblichen Solistinnen bewiesen eine enorme Vielfalt.

„Banken brauchen Sicherheit, das Kreditsystem ist in Gefahr“ - warum klingt das alles so, als ginge es um Aktuelleres als um das Bankhaus Fugger? Und warum kommt dem Zuhörer auch das sehr deutlich besungene, moralfreie und korrupte „Machtspiel“ um Kaiser Karl V. so erschreckend aktuell vor? Der Texter Michael Kunze, bekannt durch alte Hits wie „Griechischer Wein“, und der Komponist Dieter Falk machen mit ihrem Pop-Oratorium klar, in welchem politischen Wirbelsturm sich das Mönchlein Luther auf dem Reichstag in Worms bewegt. Zugleich zeigt es theologisch solide Luthers Denken und dessen Auswirkungen bis heute.

Bei der kleinen Version der Aufführung gab es statt Band nur Sonja Walter am Piano und Jan Fischbach und Christoph Walter für Schlagzeug und Percussion. Doch es fehlte nichts, was auch am gewaltigen Chorklang lag - und einer Begeisterung, die kaum zu toppen war.

Musikalisch ist das Oratorium ein sehr eingängiges, wildes Gemisch aus Gesangsbuchliedern, Gospel und Hip-Hop. Das hat ihm in erlesenen Feuilletonspalten vernichtende Kritik eingebracht. Die Kirchheimer Zuhörer - vom Kind bis zur Oma in der evangelisch-methodistischen Zionskirche sahen es anders. Sie lauschten, klatschten, standen auf und ließen sich durch die Ausstrahlung des Chors anstecken.

Info „Vocal Dreams“ führt das Luther-Oratorium nochmals in größerem Rahmen auf, am 17. Februar im Kulturhaus Laupheim. Die Originalaufführung des Luther-Oratoriums war im Oktober 2017 im ZDF zu sehen. Die Übertragung ist aus der Mediathek des Senders jedoch inzwischen gelöscht worden.

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