Kirchheim

Das Land soll wieder zur Spitze gehören

Schulpolitik Bei einem Besuch in der Kirchheimer Raunerschule nimmt Kultusministerin Susanne Eisenmann Stellung zum aktuellen Qualitätsproblem bei den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen. Von Andreas Volz

Kultusministerin Susanne Eisenmann und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz stellten sich in der Kirchheimer Raunersc
Kultusministerin Susanne Eisenmann und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz stellten sich in der Kirchheimer Raunerschule den Fragen zur Bildungspolitik. Foto: Carsten Riedl

Sie ist noch kein volles Jahr im Amt, hat aber klare Vorstellungen davon, was in der baden-württembergischen Bildungspolitik passieren muss: Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann (CDU). In der Kirchheimer Raunerschule sagte sie vor einer Vielzahl Interessierter, die sich in der Mensa drängten: „Baden-Württemberg hat ein Qualitätsproblem. In den Kernkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen sind wir auf unteres Mittelmaß zurückgefallen.“ Dafür gebe es zwar nicht „den“ Grund oder „den“ Schuldigen. Andererseits gebe es aber auch nicht „den“ Schalter, den man einfach umlegen muss.

„Das ist eine langfristige Entwicklung, über die wir ohne Hektik und ohne Panik diskutieren“, sagte sie. Erste Weichenstellungen seien bereits erfolgt. Um Deutsch und Mathematik zu stärken, seien die Deputate an den Grundschulen deutlich aufgestockt worden. In diesem Zusammenhang stellte sich Susanne Eisenmann einem aktuellen Kritikpunkt: „Ich bekenne mich dazu, dass in Klasse 1 in Baden-Württemberg wieder Wert auf Rechtschreibung gelegt wird.“ Ein Beispiel hatte sie auch gleich zur Hand: „In der Mathematik gibt zwei plus zwei immer vier - und nicht anfangs auch mal fünf.“

Als sie später in der Diskussionsrunde noch einmal direkt von einem Schulleiter mit der Aussage konfrontiert wurde, dass an seiner Schule die Rechtschreibung von Anfang an eine große Rolle spiele, konterte sie ruhig und sachlich: „Wenn das so ist, dann freue ich mich natürlich. Aber dann verstehe ich auch den Aufschrei nicht, wenn ich sage, es bleibt dabei.“

Einigkeit herrschte bei der Frage nach G 8 oder G 9. Ein Gymnasialrektor mahnte den Ressourcenverbrauch durch die G 9-Versuchsschulen an und plädierte für G 8: „Ich frage meine Abiturienten jedes Jahr, wer gerne noch ein Jahr länger an der Schule bleiben würden. Es hat sich noch nie einer gemeldet.“ Die Ministerin bestätigte, dass die 44 G 9-Gymnasien im Land insgesamt 130 zusätzliche Deputate benötigen. Sie betonte aber: „Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf G 8.“ Dann wiederholte sie ein Argument, dass bereits der Kirchheimer Abgeordnete und Grünen-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Andreas Schwarz, angebracht hatte: „Für G 9 gibt es vor allem die Beruflichen Gymnasien.“

Die Lehrerversorgung sei sehr knapp. Auch das gab die Ministerin zu. Für manche Stellen fehle es schlicht an Bewerbern. Das habe auch mit der großen Bugwelle an Zur-Ruhe-Setzungen zu tun. Die Zahl der Studienplätze zu erhöhen, sei keine Lösung: „Wenn jetzt mehr Studenten beginnen, werden in fünf Jahren vielleicht gar nicht mehr alle gebraucht. Dann kriegen wir den nächsten Vorwurf.“

Weitere „heiße Eisen“ betrafen die kleinen Grundschulen auf dem Land. „Wenn wir die eine oder andere kleine Grundschule schließen, lassen sich Ressourcen gewinnen“, nannte Andreas Schwarz eine Möglichkeit, vorhandenes Personal effizienter einzusetzen. Susanne Eisenmann beschwichtigte angesichts solcher Gedankenspiele aber: „Es gibt deswegen trotzdem kein Schließprogramm für kleinere Grundschulen.“

Ebenfalls kontrovers diskutiert wurden Themen wie Kinderbetreuung und Ganztagsschule. Eltern wünschen sich größtmögliche Flexibilität. Die kostet aber Geld. Dieses Problem hat nicht nur das Kultusministerium, sondern auch die Stadt Kirchheim. Als Vertreter der Stadt hatte Bürgermeister Günter Riemer schon gesagt: „Wir kommen mit der Flexibilisierung an die finanzielle Leistungsgrenze einer Kommune. Wir merken jetzt, was es bedeutet, einmal Eingeführtes wieder zurückzufahren. Aber wir können es einfach nicht bezahlen. Dafür brauchen wir die Unterstützung des Landes.“

Das weiß die Kultusministerin nur zu gut. Sie war selbst mehr als zehn Jahre lang Kulturbürgermeisterin in Stuttgart. Aber auch um die Ressourcen im Landesetat entbrennen regelmäßig harte Verteilungskämpfe.

Der Etat des Kultusministeriums

Mit elf Milliarden Euro verfügt das Kultusministerium über den größten Einzel-Etat das Landeshaushalts, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann bei ihrem Besuch in Kirchheim.

86 Prozent des Etats werden für Personalkosten benötigt, also für Pflichtaufgaben, bei denen es keinerlei Spielraum gibt.

13 Prozent stehen zur Finanzierung der Privatschulen oder des Religionsunterrichts zur Verfügung. Auch bei diesen Ausgaben ist das Kultusministerium gebunden.

Für Sport, Weiterbildung, Musikschulen oder Jugendkunstschulen bleiben nach Aussage der Kultusministerin 0,8 Prozent ihres Etats übrig.

40 Millionen Euro sind aktuell für die Weiterqualifizierung von 5 000 Hauptschullehrkräften vorgesehen, damit sie an andere Schularten wechseln können. Jährliche Folgekosten durch höhere Besoldungsgruppen: ebenfalls 40 Millionen Euro. vol

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