Kirchheim

Das Runde sitzt vorm Eckigen

Das Runde muss ins Eckige. Wohl wahr. Sepp Herbergers uralte Weisheit ist längst auch den meisten Frauen vertraut – auch wenn ihnen gemeinhin immer noch wenig Fußballverstand zugetraut wird von Kollegen, Göttergatten und männlichen Sprösslingen.

Deren Fußballbegeisterung und vermeintliche Fachkenntnis kennt momentan keine Grenzen. 24 statt bisher 16 Teams – das bedeutet jetzt, in der Vorrunde, fast täglich Fußball pur von Nachmittag bis Mitternacht. Petrus spielt mit und schickt den gefühlt schlechtesten Juni aller Zeiten: Sport schauen statt Sport treiben lautet da für so manch einen die willkommene Devise. Stundenlang macht „Mann“ es sich ganz ohne Gewissensbisse auf dem Sofa bequem. Beim letzten Schlusspfiff übersteigt die Zahl der geleerten Bierflaschen die der gefallenen Tore.

Doch Obacht, diese EM könnte Spuren bei ihren heimischen Fans hinterlassen. Wer jetzt zur Fußballzeit unterwegs ist, trifft auffallend viele reine Frauengrüppchen: Mütter und Töchter beim Gassigehen, Freudinnen im Kino, Nachbarinnen beim Nordic Walking, Kolleginnen beim Joggen. Weder Fußball noch Regen nageln sie ans Sofa, Blick stur aufs TV-Gerät. Und als neulich eine mal die andere fragte „Was macht eigentlich dein Mann?“, wurde die Antwort vernommen, frei nach Sepp Herberger: „Das Runde sitzt vorm Eckigen!“

IRENE STRIFLER

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