Kirchheim
„Das Schicksal hat es so gewollt“

Gnadenhochzeit In guten und in schlechten Tagen haben Alvira und Arthur Stroscherer immer zusammen gehalten. Morgen sind die beiden 70 Jahre verheiratet und feiern das in engstem Kreis. Von Sarah Polzer

Alvira und Arthur Stroscherer verbindet nicht nur 70 Jahre Ehe, sondern auch harte Zeiten, die sie gemeinsam durchgestanden haben. Alvira wird im Kaukasus geboren, Arthur auf der Krim. Kennengelernt haben sie sich aber in Kasachstan. Beide stammen aus russlanddeutschen Familien. Als Hitler mit seinen Truppen Teile der Sowjetunion überfällt, geraten die Russlanddeutschen ins Visier. Ab August 1941 werden sie zu ausländischen Spionen erklärt und nach Sibirien und Kasachstan deportiert.

 

Sie ging mir gar nicht mehr aus dem Kopf.
Arthur Stroscherer
über die Liebe seines Lebens

 

Dieses Schicksal trifft auch die Familien von Alvira und Arthur Stroscherer. Als der Krieg ausbricht, sind beide gerade mal zehn Jahre alt. Sie wachsen nur mit ihren Müttern auf, die Väter wurden von den Familien getrennt. Sie unterstehen vor Ort einer Kommandantur, die sie stetig überwacht. Zur Schule dürfen sie nicht. Erst später können sie die Abendschule besuchen. Die Restriktionen und die stetige Unterdrückung haben Bildung wertvoll für sie gemacht, erzählen sie. „Die Arbeitsmoral und die Wertschätzung von Bildung haben wir über Generationen weitergegeben.“ Eine Enkeltochter widmete ihrem Großvater aus diesem Grund auch die erst kürzlich fertiggestellte Doktorarbeit. 

Kennengelernt haben sich die beiden bei Hochzeitsvorbereitungen des Cousins von Arthur. Eine gute Freundin von Alvira war die Braut. Zur Hochzeit selbst wollte Alvira erst gar nicht gehen. „Dort war mir zu viel Trubel“, erzählt sie mit einem Grinsen. Arthurs Mutter sprach jedoch mit ihrer Mutter und hat sie gebeten, ihre Tochter zur Hochzeit zu schicken. So hat sie sich überreden lassen und die beiden trafen erneut aufeinander. „Er schaute mich mit großen Augen an und bot mir den Platz neben sich an und ich konnte mich erst gar nicht an ihn erinnern“, blickt Alvira zurück. Arthur ergänzt: „Sie war wunderschön. Sie ging mit gar nicht mehr aus dem Kopf.“

Während die beiden über ihre ersten Begegnungen sprechen, leuchten ihre Augen auf und ihre Mundwinkel heben sich immer wieder zu einem Lächeln.

Unaufhaltsamer Wille

Arthur arbeitete damals als Schmied. Jeden Tag nach der Arbeit machte er sich auf den Weg zu seiner Alvira. Sie wohnte acht Kilometer weg von ihm. Ein Fahrzeug besaß er nicht, also ging er jeden Tag zu Fuß zu ihr und lief die Strecke am Abend wieder zurück. „Die Kommandantur hat uns verboten, das Haus nach 20 Uhr noch zu verlassen“, berichtet Arthur. Das machte den Weg schwierig, wenn er wieder einmal länger arbeiten musste als sonst. Doch er ließ sich nicht aufhalten und lief weiterhin zu seiner Angebeteten.

Am 9. September im Jahr 1952 erfolgt dann die Eheschließung. Gefeiert wird im engsten Kreis. „Auf die Familie muss man immer horchen“, meint Arthur Stroscherer. Das ist es, was die beiden in den harten Zeiten zusammengehalten hat und immer noch zusammenhält. 

„Das Schicksal hat es so gewollt“, meint Alvira Stroscherer. Als junges Mädchen habe ihr eine Frau die Zukunft vorausgesagt. Sie zeigte mit dem Finger auf eine Gruppe junger Männer und sagte: „Sie werden alle früher gehen. Dein Mann und du, ihr werdet viele Jahre zusammen haben.“