Kirchheim

„Defunkt“ heizt den Keller auf

Konzert Brodelnde Rhythmen und politische Botschaften: Joseph Bowie und Band reißen die Besucher im Club Bastion mit Offenheit und Perfektion mit. Von Bernhard Fischer

Defunkt zu Gast im Kirchheimer Club Bastion. Dabei immer im Mittelpunkt: Joseph Bowie. Foto: Bernhard Fischer
Defunkt zu Gast im Kirchheimer Club Bastion. Dabei immer im Mittelpunkt: Joseph Bowie. Foto: Bernhard Fischer

Von 0 auf 140 in einer Sekunde, das schafft die Gruppe Defunkt spielend. Im Kirchheimer Club Bastion zelebrierte die Band über zwei Stunden lang ein Feuerwerk an tanzbaren Rhythmen und Klängen. Zackiger Bläsersound, beschwörende Gesänge und viele musikalische Glanzlichter begeisterten die Gäste.

„Das Wichtigste, was wir brauchen, sind Handtücher und viel Wasser für die Musiker, denn die müssen hart arbeiten“, sagte Sänger Joseph Bowie vor dem Konzert. Entsprechend heftig ging es von Anfang an zur Sache. Eine kurze Fanfare von Posaune und Trompete, und schon legt die Band los wie ein überlautes Uhrwerk. Alle Instrumente greifen ineinander und schaffen ein präzise komponiertes, dichtes musikalisches Geflecht. Den am Sonntag reichlich erschienenen Zuhörern bleibt bei diesen brodelnden Rhythmen nichts anderes übrig, als sich voll auf die Musik einzulassen.

Ein Handzeichen von Joseph Bowie - und messerscharf wechselt die Band die Stimmung. Es erklingen zackige, Big-Band-artig wirkende Bläsersätze, vierstimmige Gesänge, es wird Raum geschaffen für Solos der fünf Musiker auf der Bühne. Unbedingte Präzision fordert Joseph Bowie von seinen Mitmusikern. Entsprechend satt und dynamisch klingt die Band. Seit nunmehr vierzig Jahren existiert diese stilprägende Gruppe aus New York in immer wieder variierenden Besetzungen.

Joseph Bowie, unbestrittener Kopf der Gruppe, ist seit 1971 mit vielen großen Musikern des Jazz auf Tour. An der Posaune hält er sich eher zurück, nur ein feines Solo auf der gestopften Posaune gibt er zum Besten. Ansonsten wirkt er eher wie ein Prediger im Gospelgottesdienst: anfeuernd, dirigierend, singend, beschwörend.

John Mulkerin an der Trompete liefert im Gruppensound schneidend-druckvolle Linien. In einem unbegleiteten Solo darf er die ganze Vielfalt der Klangmöglichkeiten der Trompete demonstrieren, beginnend mit leisen, gehauchten Tönen. Er glänzt mit mehrstimmigem Trompetenspiel und scatartigen Elementen.

Der verschmitzte Gitarrist Kelvyn Bell liefert knackige Riffs, teilweise elektronisch verfremdet, aber immer eingebettet in den Gruppensound. Solistisch hebt er ab wie eine Rakete: mit meist extrem schnellen Läufe, teilweise flirrend und wischend über die Saiten. In der Ecke steht wie ein weiblicher Buddha die Bassistin Kim Clarke, „Königin des Funk-Basses“. Nur selten huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. In Bewegung sind nur die Hände, unglaublich präzise prägt sie das rhythmische und harmonische Gerüst der Musik.

Bei allem Perfektionismus sind Musik und Texte der Band von Toleranz, Offenheit und Menschlichkeit geprägt. Die Texte sind stark an der Kultur der Farbigen Nordamerikas orientiert. Kein Wunder, dass Bowie seine Unzufriedenheit mit der aktuellen gesellschaftliche Situation in den USA bekundete. Das Konzert jedenfalls war ein großartiges Musikerlebnis im Club Bastion.

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