Kirchheim
Den „alten Männern“ in den Hintern treten

Kirchenkritik Autorin Jaqueline Straub hält im Gemeindehaus St. Ulrich ein Plädoyer für die Gleichstellung von Frauen innerhalb der Katholischen Kirche. Von Andrea Barner

Es rumort gewaltig. Und zwar von „unten“. Engagierte Katholikinnen aus Kirchheim gehen gemeinsam vor gegen „zölibatäre Pries­ter“. Die Frauenbewegung „Maria 2.0“ wurde vor einem Jahr in Münster gegründet, mittlerweile ist sie in ganz Deutschland aktiv. Auch Kirchheimer Katholikinnen sagen: „Unsere Geduld ist am Ende.“ Sie gehen mit Informationsveranstaltungen und Flashmobs auf die Straße, sie schreiben sogar dem Papst, doch Franziskus und das Kirchenpatriarchat wollen von Gleichberechtigung nichts wissen. „Die Unzufriedenheit ist unaufhaltsam“, sagt auch Jaqueline Straub. Im katholischen Gemeindehaus St. Ulrich in Kirchheim spricht sie über ihren brennenden Wunsch, katholische Pries­terin zu werden. In ihrem Buch fordert sie auch weitgehende Strukturreformen.

„Richtig wütend“ sei sie gewesen nach der aktuellen Verlautbarung von Papst Franziskus. Das Kirchenoberhaupt, in das viele Frauen ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, erwähnte die Abschaffung des Zölibats und die Priesterinnenweihe noch nicht einmal in seinem jüngst veröffentlichten Schreiben „Querida Amazonia“. Jaqueline Straub fordert, dass „wir Frauen jetzt noch lauter, noch stärker sein müssen, weil es nicht mehr anders geht“. Uschi Flaig, eine Vertreterin von „Maria 2.0“ in Kirchheim, empört sich schon bei der Begrüßung in ähnlicher Weise: „Wir ertragen es nicht mehr, dass in der Katholischen Kirche nur zölibatär lebende Männer über das Leben und das Glaubensleben von Frauen bestimmen.“ Das Thema bewegt viele, der Gemeindesaal ist voll, überwiegend Frauen sind gekommen, aber auch Männer, unter anderem Pfarrer Franz Keil als Hausherr von St. Ulrich.

Jaqueline Straub ist katholische Theologin, Journalistin und Buchautorin. Sie hat „keine Ahnung“, wer von den Kirchenoberen ihr 2018 erschienenes Werk „Kickt die Kirche aus dem Koma“ tatsächlich wahrgenommen hat. Die Priester, die es gelesen haben, „finden es wichtig und richtig, was ich da schreibe“. Jedenfalls gibt es positive Rückmeldungen von allen Seiten. Pfarrer Keil lässt sich das Buch von ihr signieren. Dass sogar vereinzelt Bischöfe ihre Forderung nach radikalen Veränderungen gut finden, macht Jaqueline Straub Mut zum Weitermachen.

Frauen fehlt die Anerkennung

Die 30-Jährige fühlt sich schon ihr halbes Leben lang dazu berufen, römisch-katholische Priesterin zu werden. Dafür wird sie seit ihrem Studium auch von manchen angefeindet. Sie setzt sich für weitreichende Reformen ein, weil „Kirche an Relevanz verliert“, insbesondere bei jungen Menschen, die „momentan eher vergrault werden“. Sie ist nicht nur eine attraktive Frau, sie ist auch verheiratet, und somit gibt es nicht nur eins, sondern gleich zwei Hindernisse auf dem Weg zur Priesterweihe. Dennoch hält sie an ihrem „Plan A“ fest: „Ich möchte nächstes Jahr Priesterin sein, notfalls auch erst in 20 Jahren“. Und „Plan B“? „Wenigstens auf dem Sterbebett will ich im Fernsehen die erste Pries­terinnenweihe sehen.“

Dazu müsse aber ein gewaltiger Ruck durch die Katholische Kirche gehen. Abschaffung des Zölibats und Gleichberechtigung der Frauen stehen ganz oben auf Straubs Liste. Keine Ausgrenzung von Homosexuellen und Geschiedenen mehr und selbstverständlich Aufklärung von Missbrauchsfällen fordert sie ebenso. Sie appelliert an die nächs­te Instanz: „Unsere Bischöfe brauchen den Mut, mal in Rom auf den Tisch zu hauen.“ Doch im Vatikan ticken die Uhren anders. Jaqueline Straub vermutet, dass Papst Franziskus von den Konservativen gewaltig unter Druck gesetzt wurde, sodass er wieder keine Strukturreformen herbeiführte. Eventuell fürchte er eine Spaltung der Kirche, das könne natürlich kein Katholik wollen. Aber diese Untätigkeit „ertragen die Leute jetzt nicht mehr“.

Engagierten Frauen innerhalb der katholischen Kirche fehle die Anerkennung der Kirchenoberen. Deshalb ruft Jaqueline Straub die Kirchheimerinnen zu Streiks und Aktionen auf: „Bleiben Sie nervig und treten sie den alten Männern auch mal ordentlich in den Hintern.“